Dienstag, 27. Dezember 2022

Enkel-Frage: Ukraine-Krieg

 

In den 1960-70ern bedeuteten "Enkel-Fragen", dass die Heranwachsenden ihre Eltern bzw. Großeltern nach deren Erleben, deren Verstrickung, deren Verantwortung und Widerstand in der Nazi-Zeit befragten. Oft waren das schmerzliche, frustrierende und desillusionierende Familien-Prozesse.¹

Ich habe eine Scheiß-Angst vor den Fragen, die meiner Kohorte unweigerlich gestellt werden, genauer: vor den lahmen, erbärmlichen Antworten, die wir zu geben gezwungen sein werden, sofern wir ehrliche (!) Auskunft geben wollen.

Daher beginne ich jetzt schon mal, einige Dinge zu erläutern.

Enkel-Frage:
Warum habt Ihr nichts gegen die Eskalation des Ukraine-Krieges unternommen?  

Antwort:
Schwierige Frage. Es war der (nicht-geographisch-)westlichen Propaganda gelungen, den Gedanken in die Köpfe der Leute zu pflanzen, Du seiest entweder bedingungslos, kritiklos, gedankenlos, grenzenlos, tabulos und bar jeden Zweifels FÜR die Ukraine und das westliche Bündnis oder Du seiest ein Putin-Versteher, ein Russenfreund, Landesverräter, Feigling etc. etc.

Enkel-Frage:
Und auf welcher Seite standest Du?

Antwort:
Falsche Frage. Ich stand auf gar keiner Seite. Ich hielt Putin tatsächlich für einen rückwärtsgewandten, demokratiefeindlichen, LGBTQ-intoleranten, autoritaristischen Drecksack. Die USA hielt ich für pathologisch egoman, imperialistisch, tendenziell demokratiezerstörend, hirntot kapitalistisch, menschenverachtend. Ich wohnte zufällig in einem Land, das mit erbärmlicher Servilität den USA in den Arsch kroch, deren Kultur in äffischer Weise bis zur Selbstaufgabe kopierte und eine jahrzehntelange Tradition und Übung darin hatte, trotz vielfacher Erniedrigungen stets vorauseilend gehorsam zu sein.
Wir haben damals oft gesagt, uns würde es besser gehen, wenn die USA uns annektierten. Als 51. Bundesstaat der USA könnten wir dann wenigstens den Präsidenten mitwählen, der autokratisch über uns gebietet. Äh ... wie war nochmal die Frage?

Enkel-Frage:
Egal. Warum habt Ihr, hast Du nichts gegen die Eskalation des Krieges unternommen?

Antwort:
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie völlig vergiftet die Stimmung durch die beiderseits nicht ungeschickte und sehr intensive, alles durchdringende Propaganda war. Der kleinste Hinweis, es sei ja auch nicht alles Gold, was die US-ukrainischen Führer da verzapften, machte Dich zum "Putin-Versteher". Und damit warst Du raus, gebrandmarkt, vogelfrei.
Die Nazis und andere autoritäre Systeme haben  Kritiker*innen noch durch staatlich verordnete Maßnahmen mundtot gemacht. Diese Maßnahmen konnten im Westen mittlerweile dank social media in die Köpfe der einzelnen Menschen verlegt werden. Vermutlich übertreibe ich hier ein bisschen, aber der Effekt war auf jeden Fall derselbe: Schon der Versuch eines rationalen, d.h. kritischen Diskurses stempelte Dich zum Verräter, egal, auf welche Seite Du wohntest.    

Enkel-Frage:
Klingt furchtbar ...

Antwort:
Ihr müsst das natürlich nachprüfen, immerhin verteidige ich hier mein eigenes Verhalten, bin also selbst parteiisch.
Dabei werdet Ihr übrigens feststellen, dass unsere Lage wirklich kompliziert war. Irgendwann begannen die Rechten in Europa, für Putin zu argumentieren. Damit war natürlich jeder eigene Ansatz, für Verständnis für die Gegenseite zu werben, vollständig kompromittiert. Dann kam eine einflussreiche deutsche Kommunistin ebenfalls auf die Idee, Putin zu unterstützen, aus alter Gewohnheit wahrscheinlich, und extreme Rechte und Linke hatten erstaunlich wenig Berührungsängste.
Und dann stell' Dir vor, Du stehst mittendrin in diesem grellen, empörten Geschrei auf globaler und nationaler Ebene und sagst: "Öhm, könnten wir nicht mal einen Moment innehalten und überlegen, wie uns der ganze Kram vielleicht NICHT um die Ohren fliegt?" Keine Chance!

Enkel Frage:
...

Antwort:
Soll ich Euch noch erzählen, wie die doitschen Grünen, wie Polen, Israel, die Türkei, Ungarn und der Iran in der Zeit agiert haben?

Enkel-Frage:
Ochnöö, lass mal.




(verändert via wiki commons)
Ja, dieses historische Dokument aus den frühen 1940ern hinterlässt Fragen.
Nein, ich weiß es auch nicht, ich überlege noch.



¹ In meiner Familie waren wir allerdings schmerzfrei: Die lebten alle gut & gerne in der Nazi-Zeit. Bombennächte, Flucht und Vertreibung, ja, das war blöd, aber das haben ja nicht die Nazis gemacht, das waren die Anderen. Nein, ich brauchte keine Enkel-Fragen zu stellen. Ich kannte schon die wesentlichen Antworten.   

Sonntag, 25. Dezember 2022

Nur begrenzt weihnachtsfähig

 

Hu, tagesschau.de titelt die spannende Frage, ob angesichts der zahlreichen Krisen unsere Solidarität irgendwann aufgebraucht sei.

Allerdings wirft die Verfasserin da einiges durcheinander, nämlich Corona, das Ahrtal und die Ukraine.

Der Reihe nach:


Solidarität mit den betroffenen Menschen im Ahrtal?

Sie haben auf jeden Fall mein Mitgefühl. Aber wenn ich mir anschaue, welche Beträge zur Rettung von Banken und zur Subventionierung von Konzernen rausgehauen werden, dann ist meine direkte Spendenbereitschaft für das Ahrtal unter Null. Das hängt auch damit zusammen, dass die Spendenbeträge allzuoft von bierärschigen Kommunalplittikörinnen überreicht werden, die dann den presseöffentlichen Eindruck schinden wollen, sie hätten großzügig ihre Privatschatulle geöffnet. 

Weiterhin: Die Flut im Ahrtal wird, wie viele andere Extremwetterereignisse, absichtlich irreführend monokausal als Naturkatastrophe dargestellt. Es gibt zu viele Macht-Habende, die die Diskussion unterdrücken, wie wir endlich die anthropogenen Ursachen in den Griff bekommen.

Schließlich: Richtig angeschissen sind die Menschen, die aktuell, ja, jetzt, in diesem Moment, im Begriff sind, wegen der Erderwärmung und des ansteigenden Meeresspiegels ihre Heimat endgültig und unwiederbringlich zu verlieren und die genau wissen, dass sie in ihrer ewigen Armut kaum eine Mitschuld daran tragen, dass es aber unfassbar reiche Nationen gibt, die das Problem im Wesentlichen verursacht haben, sich jetzt aber einen Scheißdreck kümmern. 

Zusammengefasst: Wenn ich noch Kraft zur Solidarität habe, dann setze ich sie für die Menschen in Tuvalu ein, nicht für die im Ahrtal.


Solidarität mit Corona-Opfern? 

Ich persönlich? Vergiß es! Wir haben alle gleich gelitten und uns gleichermaßen Gedanken um richtige und falsche persönliche Strategien gemacht. Auf der Ebene des Individuums fällt mir nur ein Zitat von Grantscheam@troet.cafe aus dem Fediverse vom 05.12.2022 ein:

"Die Maske unterhalb der Nase zu tragen war und ist der exakteste Deppenindikator unserer Zeit: zu egoistisch für Anpassung, zu feige um konsequent dagegen zu sein und zu ungebildet, den Zweck zu verstehen.
Bonus: sie erkennen intellektuell nicht, wie vertrottelt sie damit aussehen."

Nein, keine persönliche Solidarität. Mitgefühl ja, wie bei jeder Krankheit, aber Solidarität im Sinne des tagesschau-Artikels nicht. 

Anders auf internationaler Ebene: Das krankhaft egoistische und unsolidarische Agieren der Nationen, z.B. bei der Erforschung und Beschaffung von Impfstoffen, insbesondere der reichen, d.h. der sogenannten nicht-geographisch-westlichen Länder, kotzt mich an! Aber sowas von! Ich schäme mich, dazuzugehören.


Solidarität mit der Ukraine?

Nein, das war mal, das ist jetzt aus und vorbei! Inzwischen müsste jedem Dummdödel klar sein, dass die Amis da nur einen Stellvertreterkrieg führen. Und die Führungs-Camarilla der Ukrainer betont zunehmend orgiastisch, wie toll das Kriegführen doch ist, wenn man nur die richtigen Waffen hat. Unsere Propaganda hat es soweit gebracht, dass jedes Fünkchen Kritik als Pro-Putin-Statement gebrandmarkt wird. Und auch ich verspüre hier das eilige Bedürfnis, mich von diesem Verdacht zu befreien. Vergesst es!

Verteilt zehn Prozent der Kohle, die für die Ukraine rausgeballert wird, an alle Kriegsopfer weltweit. Damit kämen wir einen Riesenschritt weiter.  


(Yemen 2021 -  verändert via amnesty int.)

schade, kleiner bimbo,
deine haut ist zu dunkel,
deine haare sind zu lockig,
deine stadt ist zu weit von uns entfernt,
um uns nicht egal zu sein.

zwar wirst du auch von einem diktatorischen regime
bombardiert und verfolgt, 
allerdings von einem, 
mit dem wir prächtige profite machen
und das uns öl und gas verkauft,
in zeiten der knappheit.

du verstehst:
dir zu helfen
kann unser interesse nicht sein.








Donnerstag, 22. Dezember 2022

Schweine-geil!


Schade, dass die Tagesschau-Nachricht so schnell zwischen dem täglichen Einerlei ins Vergessen sedimentiert, die Meldung, dass der Schweine-Bestand in Doitschland binnen eines Jahres um 10,2 Prozent gefallen sei, weil - und jetzt kommt das eigentlich Wichtigste - das Verhalten der Konsument*innen sich verändert hat.

Man kann diese Nachricht eigentlich gar nicht hoch genug hängen. Sie ist der Beweis dafür, dass wir, die "Normalverbraucher", viel mehr Macht haben, als wir und andere uns zugestehen wollen. 

Diese Nachricht ist auch die verbindliche Antwort auf die Pseudo-Frage "Wenn die da oben was beschließen - was soll ich schon dagegen tun können?" 

Oder auf die andere Pseudo-Frage: "In Anbetracht des riesigen globalen Fleischmarktes - spielt es da wirklich eine Rolle, ob ich jetzt eine Curry-Wurst esse oder nicht?" 

Die Antworten sind klar. Es hängt Alles von Deinem ganz persönlichen, ganz individuellen Verhalten ab. Du bist für Dein Verhalten und die Konsequenzen daraus verantwortlich, hinter nichts und niemandem kannst Du Dich verstecken. Alle Fakten liegen allgemeinverständlich und prüfbar auf dem Tisch. Das Spiel heißt "Eigenverantwortung" und der Ball liegt in Deiner Spielfeldhälfte. 

Wie sich das für eine*n mündigen Erwachsenen*n in einem Land mit einer FDGO gehört.

Zweikommavierdrei Millionen Schweine pro Jahr (!) sagen "Danke"! 


(stark verändert via wiki commons)

Und wer das Leiden in gut-doitscher Massentierhaltung nicht kapieren kann oder will, darf das gerne in Nitrat-Belastung unseres Grundwassers und CO₂- und Methan-Ausstoß, in Wasser- bzw. Energieverbrauch umrechnen und in Quadratmeter Regenwald, der nicht abgeholzt wird, um Soja als Schweinefutter anzubauen. 







Montag, 19. Dezember 2022

Capitalism-Wannabees

 

Im umsonsten Sonntags-Werbe-Blatt¹ informiert ein oldenburgisch-ostfriesischer Wasser-Versorger über geplante Preissteigerungen in Höhe von 20 % und begründet wie folgt:

  1. Man sei damit immer noch nicht der teuerste Anbieter.
  2. Man habe schon lange keine Preiserhöhungen mehr durchgezogen.
  3. Man brauche das Geld für Investitionen.
  4. Klimawandel und Energiewende "stünden (...) im Mittelpunkt"
  5. Pandemie und Ukrainekrieg seien "Preistreiber".

En detail:

1. und 2. sind genaugenommen überhaupt keine Argumente, und Nummer 3 ist eine Binse. Meinen nächsten Bankraub werde ich, falls jemand fragt, nach demselben Schema begründen: 1.) Es gibt Leute, die haben viel mehr geklaut, 2.) ich habe schon lange nicht mehr geklaut, und 3.) ich brauche das Geld. 

Mit Nummer 4 kann ich gar nichts anfangen, weil nicht mal im Ansatz erklärt wird, ob und wenn ja welchen Einfluss Klimawandel und Energiewende auf die Arbeit eines Wasserversorgers haben. 

Nummer 5 verstehe ich auch nicht, weil Corona, soweit ich weiß, keinen Einfluss auf den Netto-Wasserverbrauch hat. Und wir beziehen kein Trinkwasser aus der Ukraine und liefern da auch nichts hin, sind bei der Trinkwasserversorgung weder von Russland noch von irgendwelchen Wüsten-Diktaturen, nicht von China und nicht einmal von den Amis abhängig - so what?

Ansonsten könnten 4. und 5. aber auch gut für die Begründung eines Bankraubs herhalten: "Ich musste das Geld klauen, denn ich wollt' mir ein CO₂-neutrales Auto kaufen und Klopapier für den nächsten Lockdown, und die Inflation hat mein Erspartes aufgefressen...!"  Da sehe ich ethisch keine Probleme, wirklich nicht.

Spaß beiseite: Der Inhalt des Textes ist also wieder mal die übliche intellektuelle Beleidigung. Verärgert bin ich nur über mich selbst, da ich wieder mal angefangen habe, den Fehler bei MIR zu suchen. Ich habe tatsächlich kurz überlegt, nicht mal die Macher*innen dieses Drecksblattes würden so einen hanebüchenen Schwachsinn drucken, es müsse also an mir liegen, gewisse globale Zusammenhänge, die eine 20%ige Preissteigerung beim Trinkwasser begründeten, nicht hinreichend zu erfassen.   

Das ist die eine Lehre aus diesem Text.

Die andere ist: Besagter Wasserversorger ist einfach nur ein weiterer Teilnehmer am kapitalistischen Marktgeschehen, der sich gedacht hat "HARRHARR! Jetzt, da alle die Preise erhöhen, jetzt, da wir sowieso eine Inflation von über 10 Prozent haben, da gönnen wir uns auch mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle, und wenn wir schon zuschlagen, dann gleich richtig, also doppelt oder nichts, 20 Prozent! Her mit der Kohle, Du kleines, wehrloses Konsumenten-Arschloch, ich bin der Monopolist, und Du kannst GAR NICHTS dagegen unternehmen, HARRHARR!"

Ok, für das "HARRHARR" verbürge ich mich nicht, aber lest mal das Statement der OOWV-Böberschten, da hört Ihr es deutlich im Subtext.

Die dritte Lehre aus dem Text ist: Indem der OOWV mit so viel bierärschiger Selbstsicherheit annimmt, etwas unglaublich Cleveres getan zu haben, stehen die kundigen Beobachter kopfschüttelnd daneben und denken sich: 

  • "Ihr wisst aber schon, dass Ihr wieder mal viel zu spät reagiert, oder?" 
  • Oder: "Euch ist klar, dass gerade ALLE Marktteilnehmer haargenau so reagieren wie Ihr und dass der Effekt für die Anbieter dadurch bis praktisch null reduziert wird, oder?"
  • Oder: "Wenn Ihr die Endverbraucher zwingt, mehr Geld für Trinkwasser auszugeben, dann haben die weniger Geld, um es für etwas anderes auszugeben. Das Gleiche gilt für Sprit, Gas, etc. Euer egoistischer Traum, Eure Profite zu erhöhen, ist global betrachtet ein dummes Nullsummen-Spiel, das aber letztendlich die Lebensgrundlage des Homo sapiens² zerstört."
  • Oder: "Ihr haltet Euch für so schlau und mächtig und seid in Wirklichkeit so dumme und gehetzte Mitläufer in einem Rattenrennen, das Ihr in Eurer Betriebsblindheit nicht mal ansatzweise durchschaut."  





  




¹ genauer: Nordwest Sonntagsblatt vom 17.12.2022, Seite 2

² Über diese Selbstbezeichnung ("der wissende, vernünftige Mensch") könnte ich mich ewig beölen!







Samstag, 17. Dezember 2022

Weltbild Numero 3

 

Rückblickend glaube ich in meiner ganz persönlichen Geistesentwicklung drei Weltbilder unterscheiden zu können:

Da war zunächst das Weltbild des Kindes, das natürlich ganz weitgehend von den Eltern geprägt war. Der Horizont des Kindes umfasste die engere Familie und die Sandkisten-Freundschaften, später dies und das aus der Grundschule und war also sehr beschränkt. Aber ich hatte durchaus das Gefühl, ein widerspruchsfreies und vollständiges Erklärungsmodell aller Aspekte meines Lebens zu haben. das war eine glückliche, unbeschwerte Zeit.

Nach der Kindheit kam das Jugendalter, und da mein geistiger und körperlicher Bewegungshorizont wuchs, stellte ich fest, dass ich mein kindliches Weltbild in fast allen Teilen revidieren und erweitern musste, und zwar nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Gleichzeitig musste ich tagtäglich auf der Basis des gerade gültigen Bildes Haltungen zeigen und alltagshandeln. 

Je volatiler mein Weltbild in jener Zeit aufgrund der ständig neu auf mich einprasselnden Sinneseindrücke wurde, desto mehr sehnte ich mich nach einem einfachen, abschließenden, zuverlässigen, alleserklärenden Weltbild, damit endlich Ruhe im Karton der Erkenntnis wäre. Dieser Wunsch führte dazu, dass mein Denken schluderig wurde. Um die Anstrengung zu vermeiden, alle naselang ein neu an der Realität ausgerichtetes und Realität kongruent erklärendes Weltbild basteln und erproben zu müssen, begann ich, logische Widersprüche zu verdrängen, wegzudeuteln oder sie mir egal sein zu lassen. 

Diese Phase meines geistiges Lebens ist in meiner nachgehenden Betrachtung die mit der höchsten Dichte tiefst-empfundener Peinlichkeiten. Eine Zeit lang war ich sogar Nazi, und ich war gut darin, weil meine Verwandtschaft reichlich Rollenmuster anbot. Und so peinlich mir das im Nachhinein ist, so weiß ich doch, wie sehr ich es damals als Schwerst-Pubertierender genossen habe, dass sich mir da ein einfaches, schlüssiges Weltbild anbot, das mir endlich die erhoffte geistige Ruhe und Sicherheit gab und mir den lästigen Zwang zum Selberdenken und Zweifeln nahm.

Schade, irgendwann geht die schönst-schlimmste Pubertät zu Ende, und Du merkst, dass es wieder etwas ausmacht, wenn Du unsauber denkst und miefige geistige Bequemlichkeit der eisekalten, anstrengenden, ständig fordernden Vernunft vorziehst. 

Seitdem, seit nunmehr etwa 40 Jahren, arbeite ich an Weltbild Numero 3. Wesentlicher Bestandteil davon ist das Wissen, dass diese Arbeit in diesem Leben nicht abzuschließen sein wird. Ich hab's mir abgeschminkt, eines Tages zu erwachen und zu sagen: "Ah ja, jetzt habe ich alles verstanden, jetzt habe ich die Welterkenntnis und kann alles erklären." 

Merke: Wer Ergebnisse will, wird religiös-politischer Fundamentalist und verharrt geistig zeitlebens in scheinbar verantwortungsfreier Pubertät, genießt dafür die stickig-schwitzig-müffelnde Bettwärme unveränderbarer, kollektiv oktroyierter Doktrin. 

Wer hingegen Erkenntnis, Wissen, Wahrheit will, steht draußen vor der Tür und erlebt ständigen Wandel, Unsicherheit, Anstrengung, Abenteuer, Versuch und Irrtum, Rückschläge und manchmal Erfolge. 

Weltbild Numero 3 strebt nicht nach glückselig-machendem Ergebnis, Weltbild Numero 3 ist ein permanenter, kräftezehrender Prozess. Glückseligkeit findet da nur, wer geil auf Wahrheit ist.  



(via wiki commons)






   


Donnerstag, 15. Dezember 2022

Rechthaben ist langweilig.

 

Wenn man einmal mit kritischem, also wissenschaftlichem Denken infiziert wurde, dann feiert man es sehr, wenn Aussagen, die man selbst gemacht hat, von der Realität widerlegt werden, wohingegen eine schlichte  Bestätigung ebendieser Aussagen als öde und langweilig wahrgenommen wird. Derzeit fühle ich mich eher öde gelangweilt - und ein bisschen angeekelt.

Am 28. April 2022 habe ich aus gegebenem Anlass der (nicht-geographisch-)westlichen und ukrainischen Kriegspropaganda den Tipp gegeben, man könne nach allen anderen abgrundtief dämlichen Vorwürfen die Russen noch des Kannibalismus' beschuldigen.  

Die Umsetzung dieses Ratschlages steht zwar noch aus, aber die Propaganda-Abteilung der ukrainischen Regierung war selbst auch kreativ und hat jetzt immerhin die Existenz von Kinder-Folterkammern ins Spiel gebracht. Auch nicht schlecht: Kinder, das geht immer, gerade jetzt vor Weihnachten. 

Die öffentlich-doitsche Presse konnotiert die Meldung zwar eher zurückhaltend ("[L.] legte zunächst keine Beweise für seine Behauptungen vor."), aber komplett ignorieren mochte man so einen hirnlosen Click-bait auch wieder nicht.  

Auf den Kannibalismus-Vorwurf müssen wir also noch ein wenig warten, aber die Sache geht ja schon mal in die richtige Richtung. Und da die ukrainischen Macht-Haber gerade gestern ihre unabhängigen Medien an die Kette gelegt haben, kann man künftig natürlich noch viel freier walten und gestalten. Wir dürfen also hoffen.

Spaß beiseite: Was für ein Bild haben die Ober-Ukrainer eigentlich von uns, von unserer Art zu denken, insbesondere von unserer Art KRITSCH zu denken? Für wie blöd halten die uns? Und was passiert, wenn die mit dieser Einstellung tatsächlich in die Nähe der Fleischtöpfe der Europäischen Union gelassen werden? 

Ich prophezeie mal wieder etwas: Die Ukraine wird irgendwie irgendwann den Krieg überlebt haben. Und dann werden ihre korrupten, autokratischen Eliten uns mit ihren Geschichten vom Leid und unsagbarem Heldenmut ihres Volkes viele Jahrzehnte lang in den Ohren und auf der Tasche liegen. Genau wie in Polen, Ungarn der Slowakei etc. werden die Regierungen danach gewählt werden, wer am besten auf die EU schimpfen und ihr gleichzeitig maximale Kohle aus dem Kreuz leiern kann. 

Die Reparationszahlungen für den Stellvertreter-Krieg, den die U.S. of A. vom Zaun gebrochen und permanent befeuert haben, werden NICHT die Amis übernehmen. Auch nicht die Russen. Sondern wir, die Europäer.

Und ich hoffe inständig, dass ich wenigstens diesmal von der Realität widerlegt werde. Aber ganz ehrlich: Es sieht nicht so aus.




(via wiki commons)
Alte Marketing-Weisheit von 1917:
Willst Du Geld sammeln, nimm Kinder.
Kinder gehen immer!






Freitag, 9. Dezember 2022

Was wäre wenn gewesen


1920, Berlin, eine Gruppe, vornehmlich aus aktiven und ehemaligen Angehörigen der Reichswehr unter Kapp und von Lüttwitz versucht, die Regierung der sehr ungeliebten Weimarer Republik wegzuputschen.

Die Parallelen zu unserem Reichsbürger-Putsch von neulich, also 102 Jahre später, sind so augenfällig, dass sie hier nicht weiter erläutert werden müssen. 

Interessant finde ich die folgende Feststellung auf Wikipedia: 

"Einen großen Anteil am Scheitern des Putsches hatte, neben der Verweigerung der Regierungsbürokratie und der Uneinigkeit der Militärs über die eigentliche Zielsetzung des Putsches, der folgende Generalstreik, der größte in der deutschen Geschichte."

Die Regierungsbürokratie und die arbeitende Bevölkerung setzten sich so mutig und solidarisch für die gerade eben erst installierte demokratische Verfassung ein? Chapeau! Aus heutiger Rückschau können wir vermutlich gar nicht hinreichend nachvollziehen, was das für die*den Einzelnen bedeutet hat, gegen welche - auch inneren - Widerstände und mit welchem realen oder gefühlten Risiko da ein ganzes Volk eine schwerwiegende und überhaupt nicht selbstverständliche Entscheidung getroffen hat.

Mir drängt sich die Frage auf, was heutzutage bei uns geschehen wäre, wenn die brandgefährliche Idioten-Reichsbürger-Truppe um den Prinzen Reuss ihren Coup durchgezogen hätte. Wenn sie, sagen wir, den Bundestag besetzten und über onlinene und öffentliche Medien wohlvorbereitete Nachrichten verbreiteten, dass jetzt herrliche Zeiten auf uns zukämen, Doitschland in den Grenzen von 1871 wieder doitsch, die Verfassung wieder absolutistisch-autoritär und diese ganzen unnötig kompliziert-angeschwulten Konzepte wie Demokratie, Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Umweltschutz usw. usw. wieder vom Tisch seien, dass die D-Mark wieder eingeführt und der weiße doitsche Mann wieder zum anbetungswürdigen Alleinherrscher der Familie und der Welt würde ... - und was AfD-Nazis sonst noch so in ihren feuchten Träumen herbeifantasieren, aber öffentlich nur sehr verklausuliert anzudeuten sich trauen.

Ich denke drüber nach, ob wir heute, Dezember 2022, so viel aufrechte, mutige und unbeirrbare Demokrat:innen unter uns haben, dass wir die machtgeilen Fascho-Arschlöcher wie vor 102 Jahren durch schlichten, kollektiven passiven Widerstand quasi auf eine parkende Faust liefen ließen. Haben wir unsere Jugend gut genug zur Demokratie erzogen? Sind wir, die Alten, selbst so fanatische Anhänger der FDGO, dass wir, wenn nötig, für deren Erhalt persönliche wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken einzugehen bereit wären? 

Oder sind wir faul und bequem, nachlässig, unkritisch und korrupt geworden? Würden wir vielleicht wie 32/33 bereit sein, immer weitgehendere Kompromisse zu machen, wünschend, das eigene Schäfchen im Trocknen zu behalten und hoffend, es werde schon alles nicht so schlimm werden? 

Schade, dass ich keine eindeutigen Antworten auf alle diese Fragen finde. Wie beunruhigend, dass ich Zweifel verspüre.


Kein Witz, sondern das erklärte Ziel der Reichsbürger: 
Schland in den Grenzen von 1871.

Aufgabe: 
Finde heraus, welche unserer heutigen Nachbarn wir überfallen müssten, 
um die fehlenden Gebiete zu "befreien".



   





Donnerstag, 8. Dezember 2022

Zum Verhalten von Tauben - Analyse und Auswertung

 

Fall 1: Heute Vormittag fand ich im Garten die typischen Spuren dafür, dass ein Habicht sich eine Taube gekrallt hatte: Eine kleine Ansammlung kurzer Tauben-Federn, die immer dann entsteht, wenn der Habicht die HWS seiner getöteten Beute freilegt, bevor er mit ihr davonfliegt. 

Der Anblick entlockte mir ein knappes sardonisches Lächeln, da ich Tauben nicht mag, den Habichten aber jede Mahlzeit gönne und Fälle wie diese unter dem Titel "Funktionierende Ökologie / Evolution" abbuche. 

Fall 2: Heute Mittag, also etwa zwei Stunden später, fand ich im Garten eine Taube mit einem frisch gebrochenen Schnabel, blutend, verwirrt, motorisch unsicher umherhüpfend, die unbeholfen Körner aufpickte, aber jedes einzelne erst nach mehrfachen, anscheinend schmerzhaften Schluckbewegungen durch den Schlund brachte. Das Tier entfernte sich dann, langsam und offenbar unfähig zu fliegen, über einen Wendeplatz in einen benachbarten Garten, einem ungewissen, aber mit Sicherheit schmerzhaften und qualvollen Ende entgegen.

Zwar mag ich Tauben immer noch nicht, aber bei dem Anblick empfand ich tiefstes Mit-Leid und Traurigkeit. ¹

Was lernen wir aus diesen beiden Fällen? Es gibt nichts zu bedauern, wenn man nach einem leidlich guten Leben von leidlich angemessener Dauer zügig und spontan abtritt. Richtig Scheiße ist hingegen, durch eine längere Phase von Leid und Schmerzen auf ein absehbares, qualvolles Ende zuzusteuern.

Kein Grund zur Beunruhigung, ich habe aktuell überhaupt keinen persönlichen Anlass für derlei Abwägungen, und ich beabsichtige sehr ernsthaft, die mir statistisch noch zustehende Restlaufzeit von 20+ Jahren voll auszukosten. Aber: Sollte es mich mit 60+ spontan aus dieser Welt in eine bess're katapultieren, bestünde kein Grund zur Trauer. Mein Leben war insgesamt vergleichsweise (!) glücklich, und biologisch-evolutionär beträgt unsere Mindesthaltbarkeit eigentlich nur 40 Jahre, ich bin also schon zu über 30 % in der Bonus-Spielzeit.  

Umgekehrt: Sollte der zweite der obengenannten Fälle² sich abzeichnen, dann gesteht mir bitte zu, eine eigenverantwortliche Entscheidung zu treffen. Als vernunftbegabtes Wesen, das kognitiv von Tauben zu unterscheiden für sich beansprucht, würde ich mir erlauben, den Weg abzukürzen, so dass auch hier jeder Anlass für Mitleid und Traurigkeit entfiele. 

Es muss ja auch mal Vorteile haben, Mensch zu sein - mit diesem ganzen Rattenschwanz von ethischer Verantwortung, der Fähigkeit und damit dem Zwang zu permanenter Kognition, dieser nervigen, x-fach reziproken Erwartens-Erwartung etc. etc. Doch, doch, die Fähigkeit, das Ende selbst bestimmen zu dürfen, ist da nur ein völlig fairer Ausgleich gegenüber den Tieren, die all diesen intelligiblen Scheiß nicht an den Hacken haben. 

  


(sehr starkverändert via wdrde)






¹ Und etwas später fand ich die Spuren an dem Fenster, gegen das das arme, dumme Wesen geknallt sein muss.  

² Nein, ich meine NICHT den Fall, ich könnte in ein Fenster fliegen und mir den Schnabel brechen. Ich meine das, was danach kommt. Himmel, muss man denn JEDE Metapher erklären?! Denkt doch mal mit!

Wegen sowas tragen wir Helme!


  





Mittwoch, 7. Dezember 2022

Schämt sich irgendwer?

Sehr schön, einer der Ober-Reichsbürger, Heinrich Reuß ist als Schwerverbrecher und Hochverräter entlarvt und festgesetzt. Dito ein Teil seiner Camarilla. 

Jetzt bin ich gespannt, wie die Leute reagieren, die seine Hetzrede von 2019 so begeistert positiv kommentiert hatten ("Endlich sagt es mal jemand!")¹ und überhaupt der ganzen Fascho-Kacke nahe stehen. 

Gibt es sowas wie Scham unter Nazis? Besteht die Chance, dass da jemand umdenkt? Selbstkritisch feststellt, dass provokantes Herumspielen mit Nazi-Parolen ganz schnell in etwas Brandgefährliches umschlagen kann und wird, und dass nur eine radikale, deutlich und explizit formulierte Distanz zu allem Autoritarismus, Fundamentalismus etc. davor schützen kann? Werden diese hohltönenden Vaterlands-Verehrer eingestehen, dass ein Staatsstreich einen dramatischen Schaden für ebendieses Vaterland verursachte? Wird vielleicht die fällige Entschuldigung ausgesprochen ("Au Scheiß, das war echt doof von mir, entschuldigt bitte!")?

Oder wird es stattdessen Bestrebungen geben, die Feinde unserer Freiheitlich-demokratischen GO zu Märtyrern zu machen? Nach dem Motto: Ja, es sind feige, krankhaft egomanische Schwerverbrecher, aber bevor ich anfange zu denken, da mache ich mich doch lieber mit dem Gesindel handgemein und ersetze lästig-anstrengende Hirnaktivität durch bequem-hirntote Nibelungen-Treue.

Da wir in Doitschland sind und über doitsche Hirntot-Braunbratzen reden, wird aber wahrscheinlich wieder der dritte Weg gewählt: "Jaaa, das mit dem Staatsstreich war vielleicht nicht so ganz richtig, das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber im PRINZIP ... bla bla bla ..." Das hat nach '45 auch so schön funktioniert.

Aber falsch gedacht. Du kannst nicht ein bisschen Nazi sein. Entweder bist Du ein LGBTQIA+-feindlicher, frauenfeindlicher, rassistischer, demokratiefeindlicher, wissenschaftsfeindlicher, klimawandelleugnender Querdenker-Reichsbürger-Nazi² ODER Du bist nett, normal und vernünftig. 

Da gibt es keine Übergangszone, es ist eine Ja/Nein-Entscheidung. 

Um abschließend die Ausgangsfrage zu beantworten: Nein, es gibt keine Scham unter Nazis. Ein Nazi, der sich schämt, hätte angefangen zu denken. Und damit fiele er aus der Definition. Das gilt für jede Form von Fundamentalismus.



(verändert via wiki commons)
Erschreckend: Nur die Namen ändern sich, die Rhetorik bleibt. 


Auf keinen Fall vergessen: Schönen Dank an die Einsatzkräfte, die heute Morgen mal wieder Leben und körperliche Unversehrtheit riskiert haben, um die Arschlöcher dingfest zu machen.  





¹ Nein, ich verlinke so einen Scheiß doch nicht. "Wer suchet, der findet." (Christen-Bibel, Mt, 7,8)

² Ich find's immer wieder spannend, dass die genannten Eigenschaften immer im Cluster auftreten. Wie kommt es, dass Rassisten immer auch Klimawandelleugner sind? Das hat strenggenommen doch nichts miteinander zu tun.







Sonntag, 4. Dezember 2022

Doitsches Trauma reloaded, und das ist gut so!


Es kann gar nicht genug betont werden, was der von pathologischer Machtgeilheit zerfressene polnische Giftzwerg gestern der willfährigen polnischen Journaille in die Feder diktiert hat: Deutschland sei viel zu dominant in Europa und "wolle mit friedlichen Methoden die Pläne verwirklichen, die es einst mit militärischen Mitteln habe umsetzen wollen". 

Jaja, Kaczynski bedient sich primitivster Ressentiments, um seiner demokratiefeindlichen, rechtsradikalen, fundamental-katholizistischen PiS-Partei noch ein paar Prozentpunkte bei den Wahlen in 2023 zu holen. Aber beachtenswert ist immerhin, dass er davon ausgeht, dass sein ganzer irrationaler Hass auf alles Deutsche, auf alles Europäische, Intelligible und Freiheitliche bei seinen Landsleuten auf breite Zustimmung stößt. Der Erfolg gibt ihm Recht, die Polen ticken anscheinend so, das Ausbleiben eines Aufschreis der Empörung aus Richtung Polen bestätigt jedenfalls diesen Eindruck.

Es sollte uns mittlerweile eigentlich egal sein, was Kaczynski oder seine Speichellecker sagen, denn es ist immer dasselbe und immer gleichermaßen taktisch motiviert.  

Aber ich bitte ganz dringend alle denkenden Menschen, die sich über Deutschland und seine heutige und künftige Rolle in der Welt Gedanken machen, diesen ewigen Vorwurf nie außer Acht zu lassen. Fordert uns, liebe Freund*innen in Europa und der Welt, bitte nie wieder auf, mehr Führung zu übernehmen, weder militärisch, noch wirtschaftlich, noch sonstwie. Wir können das nicht. Unsere Historie und unsere historische Verantwortung stehen dagegen. 

Denn auch wenn Kaczynski nur ein bedauernswerter pathologischer Fall ist, so demonstriert er doch eindringlich die ewige Schwachstelle deutscher Politik: Jeder Idiot, das beweist Kaczynski, kann uns das Maul stopfen, wenn er auf 33-45 verweist. Thema, historische Richtigkeit, Kontext, feinstoffliche Abwägung spielen keine Rolle. 

Und das ist gut so! Wir werden selbstverständlich NICHT dagegenandiskutieren, denn das hieße, Wasser auf die Mühlen der Nazis in Doitschland und der Welt zu gießen. Nö, machen wir nicht. Stattdessen schauen wir entspannt zu, wie alle die Kaczynskis dieser Welt sich selbst richten. 

Und wir sind trotzdem stolz, Deutsche zu sein, weil das bedeutet, dass wir - wie keine andere Nation auf diesem Planeten - die verdammte Pflicht haben, maximale Kämpfer für Menschrechte, Demokratie, Frieden, Toleranz, Vielfältigkeit und diesen ganzen Schnickschnack zu sein. Das ist nicht immer eine angenehme Pflicht, und derzeit erfüllen wir sie auch nur äußerst, äußerst lausig. 

Aber es ist die einzig akzeptable Definition von "Deutschsein". 




(verändert via BPB bzw. wiki commons)

Verdammt! Der Kaczynski hat herausgefunden, was unsere geheimsten Pläne und Wünsche sind.
Der Mann ist einfach viel zu schlau für uns!






 








 

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Quälende Fragen zum Ukraine-Krieg


In Ssoschl Miehdja findet man so allerhand festgefügte Meinung zum Ukraine-Krieg, und in Pabblick Miehdja so allerhand professionell-propagandistische Stimmungsmache der Macht-Habenden.

Immer mehr habe ich das Gefühl, abseits zu stehen und mich zu fragen, ob ich als Einziger von so vielen Zweifeln zerfressen bin:

Erstens: Glaubt Ihr wirklich, der Ukraine-Krieg könne damit beendet werden, dass die eine Seite einen klassischen Sieg und die andere Seite eine richtige militärische Niederlage einfährt? Ihr Russen, glaubt Ihr wirklich, man ließe Euch damit durchkommen, durch einen Angriffskrieg auf einen Nachbarn Gebietsgewinne zu erzielen? Und Ihr Ukrainer, glaubt Ihr wirklich, die Russen würden jemals zum status quo ante zurückkehren, demütig die Kriegsschuld eingestehen, Reparationsleistungen erbringen und ihre Führer einem Gericht ausliefern, das die Amis für die Verurteilung ihrer eigenen Kriegsverbrechen nicht mal anerkennen? 

Zweitens: Glaubt Ihr wirklich, dass den unmittelbar betroffenen kleinen Krautern, den Normalverbrauchern auf der einen wie der anderen Seite, der Krieg mittelfristig ein besseres Leben verschafft? Oder ist auf der einen wie der anderen Seite durch den Krieg bereits so viel Leid entstanden, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung auch auf sehr, sehr lange Sicht nicht mehr aufgehen kann? Kann es sein, dass die meisten Leute, die kleinen, die alltäglichen, in den umkämpften Gebieten sagen würden, es sei ihnen scheißegal, von wem sie bevormundet und betrogen werden, wenn nur endlich das Schießen, das Morden und Getötet-Werden aufhören würde?

Drittens: Glaubt Ihr wirklich, dass nur Putin ständig lügt, dass nur die Russen Kriegsverbrechen begehen und dass ein militärische Waffeneinsatz, wenn er von Russen ausgeht, grundsätzlich Terror ist, wenn er von Ukrainern ausgeht, hingegen grundsätzlich heldenmütiger Widerstand?

Viertens: Glaubt Ihr wirklich, dass die Amis uneigennützig handeln, wenn sie der Ukraine Waffen liefern, deren Wert den gesamten russischen Verteidigungshaushalt übersteigt?

Fünftens: Möchtet Ihr wirklich in einer Welt leben, in der die Amis den Stellvertreterkrieg in der Ukraine absolut gewinnen, Russland als Machtfaktor und souveräner Staat de facto vernichtet wird? Soll die künftige Weltordnung also ausschließlich von den USA auf der einen und China auf der anderen Seite dominiert werden?

Sechstens: Ich wiederhole meine Eingangsfrage: Bin ich wirklich der Einzige, dem das Ganze so offensichtlich schwachsinnig, so verlogen, so unentrinnbar psychopathisch machtgeil vorkommt, egal, welche Seite man betrachtet?



(verändert via wiki commons)
Hauptsache, alle haben ihren Spaß!