Schon gefühlte 1.000 Mal gesagt: Es gibt keinen besseren Indikator für die Werthaltigkeit Deiner Gedanken, als sie durch die Mühlen sprachlicher Logik zu drehen und veröffentlichungsreif präsentabel zu machen.¹
Thema heute: Trauer
Bezug: Vor 13 Jahren starb meine Frau und Liebe meines Lebens, und in den letzten Jahren Eltern, Bruder usw. Aber das seien nur Beispiele, die hier nicht vertieft werden müssen. Alle Menschen machen vergleichbare Erfahrungen.
Analyse / Diagnose: Was mich bei der Dekonstruktion meiner eigenen Trauer überrascht, und des Bloggens würdig scheint, ist die festgestellte Ich-Bezogenheit. Es wird immer gesagt: "Wir trauern um die Toten.", aber das stimmt eigentlich nicht. Zutreffender wäre: "Ich zerfließe in Selbstmitleid, denn meine Lebensgefährtin ist weg, und ich arme Wurst bin jetzt ganz allein, habe niemanden mehr, die bedingungslos zu mir steht und zu der ich bedingungslos stehen kann." Mit "bedingungslos" meine ich dieses Gefühl, dass ich ein so blöder Stiesel bin, dass ich jemanden wie sie überhaupt nicht verdient habe und sie trotzdem zu mir steht, aus Gründen, die ich bis heute nicht verstehe. ²
Was ich weiterhin betrauere, ist die verlorene Zeit. Ich hätte den Leuten noch so viel zu erzählen, hätte gerne noch viel mehr gelernt, wie sie die Welt sehen. Das meint nicht mal nur Hochgeistiges, sondern auch Banales wie "Boah, guck mal da!" während eines Spaziergangs.
Und drittens fehlt mir der Antrieb, die geistige Befruchtung, das Korrektiv. Wenn ich in freier Zeit bierärschig und unzufrieden vor mich hinfaule und jemand meinen Widerstand gegen Aktivität "XYZ" überwindet und ich das dann trotz vorherigen Gemaules hinterher total gut finde. Oder wenn ich wenn ich wie der vielzitierte Ochs' vor'm Berg eines scheinbares Problems stehe und jemand mich auf die meist ganz simple und augenfällige Lösung hinweist (und ich mich nicht schämen muss, weil ich ja weiß, dass sie längst weiß, was für ein Depp ich zuweilen sein kann). Oder wenn ich, maximal überzeugt, im Begriff bin, einen Riesen-Fehler zu begehen und jemand da ist, die mich rechtzeitig innehalten lässt.
Alle diese Rollen muss ich nun alleine wuppen. Zwar habe ich eine Reihe lieber Freundys, die teilweise ähnliche Funktionen wahrnehmen, aber das kann gar nicht das selbe sein.
So, genug vom Selbstmitleid!
Es gibt auch einen nicht-egoistischen, nicht-selbstmitleidigen Aspekt von Trauer, der betrifft das lange Leiden der Sterbenden. Das will ich hier aber nicht vertiefen. ³
¹ Dabei ist es, ich wiederhole auch dies, völlig schnuppe, ob das Publikum nach Hunderten, nach Tausenden oder Millionen zählt oder nur in potentia existiert.
² Ja, ich weiß, dass ich die Temporalformen und die Modi hier scheinbar unkorrekt verwende. Denk drüber nach.
³ Nur soviel: Falls es einen allmächtigen Gott gibt, dann ist er ein Riesen-Arschloch. Wie kann man so liebe, gute und starke Menschen so leiden lassen!
Und: Falls mein Tod kurz und schmerzlos vonstatten gehen sollte, gibt es keinen Grund um mich zu trauern. Das Tot-Sein ängstigt mich nicht, ich gehe dahin, wo ich vor meiner Geburt war, und das war nicht ängstigend, soweit ich das beurteilen kann.













