Mittwoch, 8. Dezember 2021

Koan des digitalen Unterrichtens


Ich kaufe tausend Pinsel
und tausend Farben
und habe doch keine Mona Lisa.

Ich kaufe tausend Tablets
und tausend Apps
und habe doch keine Digitalisierung.



Guckstu!





Mittwoch, 1. Dezember 2021

Gedanken während einer Wurzelbehandlung


Warum haben wir nicht diese äußerst robusten, überaus praktischen Kauleisten, mit denen der Papageifisch sein ganzes Leben lang Kalksteine zerkleinern kann? DAS nennte ich "Evolution"!


(verändert via wiki commons)

Diesen Artikel widme ich all' den lieben Menschen,
die mir die Daumen gedrückt haben!







Dienstag, 30. November 2021

Ontologische Interdependenz


Wie Berge ohne Täler keine Berge wären
und Täler ohne Berge keine Täler,
so wäre das machtgeile Arschloch
ohne Schleimer, Mitläufer, Mittäter und desinteressierte Ignoranten,
einfach nur ein Arschloch.


Lao-Tse; aus: Thylni Nidnovi (Hg.): Das Buch von der Weite von Himmel und Erde (BdW); Band III: Vermischtes; Aarsfurt; 512 v. Metis; S. 47. 





Definition freier kultureller Werke





Freitag, 26. November 2021

Erst zynisch, dann pathetisch

Ich lese, in der chilenischen Atacama-Wüste gibt es mittlerweile wilde Deponien für Textilien, die auf dem globalen Markt für Gebraucht-Textilien nicht weiter zu verramschen sind und die ein zunehmendes Umwelt- und Entsorgungs-Problem darstellen.

Nun weiß ich, warum es sich neulich schon so ein bisschen komisch anfühlte, als ich mehrere Säcke mit Altkleidern in die Sammel-Container versenkte. Dass ich damit möglicherweise die Textilproduktion in Drittwelt-Staaten¹ torpediere, war mir teil-bewusst, aber ich dachte, es würde der Großteil der in Europa "gespendeten" Klamotten ohnehin geschreddert und als Dämmstoff oder Putzwolle wiederauferstehen. 

In meiner Kindheit pflog ich sogar noch die dümmlich-naiv-arrogante Illusion, die abgelegten Klamotten, die man hier spendete, würden einem armen, bedürftigen, minderbemittelten Menschen irgendwo auf diesem Planeten das selige Leuchten dankbarer Freude in die trauer-trüben Augen zaubern ... 

Stattdessen muss ich nun feststellen, dass ich mit jedem Altkleider-Sack zum immer größeren Umwelt-Drecksack mutiere.

Je länger ich drüber nachdenke, desto zynischer die Gedanken: Wenn wir ohnehin einen so immensen globalen Textilüberschuss haben, warum sollte ich dann bedauern, dass die Drittwelt-Textilindustrie durch europäische Gebrauchtkleider abgewürgt wird? Sollen wir uns etwa mit Kleider-Recycling zurückhalten, damit die Menschen dort in Ruhe die grauenhaft falschen Pfade nachlaufen, die wir vorgetrampelt haben?  

Oder kommen die Leute "da unten" irgendwann selbst auf den Bolzen, dass mit Textilien keine Kohle mehr zu machen ist? Vielleicht ginge noch was im Ethno-Bereich? Ach nee, da hat man sich ja durch die angepisste Diskussion um die kulturelle Aneignung selbst in den Fuß geschossen. Ich werde mir doch keinen kuscheligen peruanischen Alpaka-Poncho und keinen superpraktischen, superleichten chinesischen Strohhut mehr kaufen, wenn ich mich damit dem Verdacht aussetze, ich würde eine ohnehin gebeutelte Minderheit "sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch" (s.o.) immer weiter in den Senf drücken ². 

Das ist alles so anstrengend! Es werden die Sachverhalte - wenn man anfängt drüber nachzudenken - alle so complicado, so unübersichtlich! Und es werden die Menschen - wenn man anfängt drüber nachzudenken - so deprimierend dämlich oder so psychopathisch egomanisch oder beides. 

Was bleibt?

Nur das eigene Denken und Handeln.

Kaufe keine Klamotten mehr. Nie wieder. Oder nur noch solche, die Du witterungsbedingt absolut benötigst, aber nicht hast. 

Leider kein Scherz: Nur Du kannst die Welt retten.



(via nasa.gov)



¹ Nein ich mag den Begriff "Drittwelt" auch nicht wirklich. Er klingt zu sehr nach "drittklassig". Aber mir ist kein politisch korrekter Alternativ-Begriff bekannt. "In-der-Industrialisieurng-herausgeforderter-Staat" evoziert auch ganz was Falsches.

² Moment mal: "militärisch"? Echt jetzt?






Samstag, 20. November 2021

P.s willige Follower

Ich find's ja ganz wacker vom Deutschlandfunk, dass er auch mal AfDler zu Wort kommen lässt. Ich hoffe ja, dies geschieht nur um des heiligen Proporz' Willen und nicht etwa, weil in der Redaktion Nazis sitzen. Aber, liebe Deutschlandfunk-Redaktion, das mit dem Proporz tut gar nicht not, denn die AfD hat ja ihren eigenen wohlgepamperten, hyperaktiven Medienkonzern, nämlich Putins persönliches Propaganda-Programm "Russia today Deutsch". 

Verlinken werde ich das nicht, dazu ist's zu peinlich. Aber wenn die*der geneigte Leser*in den Brechreiz sich zu überwinden traut, prüfe sie*er bitte eigenhändig folgende Hypothese:

Was "Russia today Deutsch" heute titelt, ist spätestens (!) 48 Stunden später Medienbotschaft der AfD.

Diskutiert nicht mit mir. Probiert es einfach aus. 


(verändert via wiki commons)
Nazis pampern ist vielleicht nicht immer so eine ganz gute Idee.


Ich verstehe ja, dass die Russen sich von uns bedroht, zumindest verarscht fühlen. Immerhin ist ihnen bei 2+4 versprochen worden, die doitsche Wiedervereinigung werde nicht dazu führen, die NATO-Grenzen Richtung Moskau vorzuschieben und nun schaut mal, was seitdem passiert ist... 

Was ich aber nicht verstehe, ist, warum Putin, wenn er Freiheit und, naja, irgendwiewas Sozialistisches vor dem US-Imperialismus-Kapitalismus retten will, dazu ausgerechnet Nazis vor seinen Karren spannt. Warum pampert Putin, ein ausgewiesener Profi in Sachen Geheimdienst, Macht, Machterhalt, Infiltration etc. etc - warum pampert so einer solche politischen Waschlappen wie Corona-Leugner, Impfgegner, Q-Anons, Querdenker, Spießer, Spinner und Faschos?

Dahinter steckt gewiss ein ganz, ganz ausgebuffter Plan. Und weil ich zu blöd bin, den zu durchschauen, kommt mir das Ganze total idiotisch vor und "RT Deutsch" ist drum für mich der peinlichste Ort im Internet. Die Peinlichkeit wird eigentlich nur noch von der AfD plus ihren Verschwörungs-Knallköppen getoppt.  







Ganzheitlich prügeln

Nicht, dass der alte weiße Mann nicht all' die ethische Prügel verdiente, die er einstecken muss. Als kolonialistischer Unterdrücker, als kapitalistisch-imperialistischer Ausbeuter, als rücksichtslose globale Umweltsau, als Rassist und Sexist und, und, und.  

Aber.

Bei der sorgfältigen Lektüre des "Atlas der Versklavung", der aktuellen Beilage der "Monde diplomatique", befiel mich der Gedanke, das absolut berechtigte "White-man-bashing" verstellt auch den Blick auf die Verantwortlichkeiten nicht-weißer Täter und ihrer Hintermänner und Anstifter. Die Versklavung, das Einfangen und Weiterverkaufen von Menschen, haben die Europäer nicht erfunden. Sie fanden die Kulturtechnik allüberall in voller Blüte, betrieben das eigentliche Einfangen auch nicht selbst, sondern kauften immer nur von den jeweils einheimischen Sklavenhändlern. (Allerdings, und das ist ein berechtigter Vorwurf, gaben sie der Sache damit eine ganz grauenhafte neue Dimension.)

Ähnlich Umweltkatastrophen. Natürlich bin auch ich mitverantwortlich für die riesigen Plastik-Müllinseln im Pazifik. Aber ich schwöre heilige Eide, dass ich noch nie eine Plastiktüte in einen Fluss, in die Nordsee oder gar den Pazifik geschmissen habe. Klar, wir wissen: Irgendwelche Machthaber verdienen furchtbar viel Geld mit Müllimporten, jauchen den Mist schlicht ins Meer, pampern mit der Kohle sich und ihren Clan und lassen die sozialen Katastrophen in ihrem Land bestenfalls von  internationalen Hilfsorganisationen bearbeiten.

Versteht mich nicht falsch: Ich, alter weißer Mann, versuche, mir meiner Verantwortung immer bewusster zu werden und ich versuche dementsprechende Verhaltensänderungen. Da gibt's reichlich zu tun, und davon darf und kann man nicht ablenken. Aber ich fänd's herrlich, auch mal davon zu hören, dass die Pottsäue of any color and any kind, die sich immer noch vor Ort den Arsch vergolden, indem sie das eigentliche Verbrechen operativ umsetzen, geschasst werden.



(verändert via wiki commons)
Ich war's nicht! Ich schwör'!






Mittwoch, 17. November 2021

Der Kosmos hinter dem Display

Habe gerade meinen ersten eigenen Taschenrechner wiedergefunden, einen "Canon Palmtronic LD-8M 2", der  1975 marktreif wurde. 



Was für ein mystisches Erlebnis, eine komplizierte Berechnung einzugeben, die "="-Taste zu drücken, und dann - bammsdi - das Ergebnis ablesen zu können. Die Leuchtziffern schweben, recht klein, in einem Display, das schwach erahnen lässt, dass hinter diesen rasend schnell dahinprojizierten Zahlen ein unglaublich komplexer Kosmos, ein tiefes, dunkles, für uns unergründbares Universum von High-Tech-Elementen in einem göttlich-genialen System wirkt. Fast komme ich mir schäbig vor, dieses Gerät einzusetzen, nur, weil ich selbst zu blöd, zu faul und zu unkonzentriert zum Kopfrechnen bin.

Vergleichen wir mit aktuellen Designs:



Da ist nichts mehr von Tiefe. Da ist nur noch Oberflächlichkeit, nur noch Oberfläche, nur noch Flachheit. Es hat mal Zeiten gegeben, da benutzten wir das Wort "App" als Schimpfwort, um diese kleinen, dummen Billigheimer gegen die richtigen, die professionellen Programme für Ernstzunehmendes abzugrenzen.

Vorbei, unwiederbringlich vorbei, die Kultur der Schnellficker hat den Planeten erobert und gibt ihn nicht wieder her.



 


Sonntag, 14. November 2021

Geiles¹ Gefühl!

Stell' Dir vor, Du läufst tagelang mit einem furchtbar schlechten Gewissen rum, weil im smalltalk mit Kolleg*innen sich herausstellt, Du hast Deinen Deutsch-Leistungskurs den falschen, den nicht abiturrelevanten Text bearbeiten lassen. Stell' Dir weiterhin vor, dass Du, als Du den Sachverhalt später eingehend prüfst, feststellst, dass Du gar keinen Fehler gemacht hast, sondern dass im Gegenteil alles großartig, tippitoppi und in bester Ordnung ist. 

Ganz abgesehen von der ewig orgasmischen Befriedigung des "Ich-habe-Recht-und-Ihr-nicht!": Was für ein herrliches Gefühl der Erleichterung, welche Euphorie! Fast (!) möchte ich behaupten, die zwei Tage der Niedergedrücktheit seien ein fairer Preis für den Dopamin-Serotonin-Flash, den ich gerade erlebe ...




(Klimt: Wasserschlangen II; 1907; via wiki commons)







¹ "geil" vgl. ahd: "gei" (> goh) = "besonders dicht und grün bewachsenes Wiesenstück"; altnord.: "geilgr"="schön"; gotisch: "gailjan"="erfreulich". All die sexuellen Konnotierungen kommen erst später hinzu - und gehen seit Jahren durch die übermäßige Verwendung des Wortes auch stickum wieder unter. "Geil" bekommt seine ursprüngliche Bedeutung wieder zurück. Gut so!




Freitag, 5. November 2021

Wieso bei 60?

Zwar habe ich noch ein paar wenige Monate Zeit, aber die Zahl 60 kommt mit der gnadenlosen Brutalität eines Dampfhammers auf mich zu. Vor einem angriffslustigen Dampfhammer könnte man sich verstecken oder wegducken, vor der Mathematik leider nicht. Am meisten erstaunt mich meine eigene Reaktion, hatte ich doch in meinem gesamten bisherigen Leben niemals (!) ein Problem mit meinem Alter, auch nicht an "runden" Geburtstagen. 

Und es ist auch nicht, dass ich das Gefühl habe oder hatte, irgendwas verpasst zu haben¹. Würde ich itzt auf einer Bananenschale ausrutschen und mir glücklich (d.h. schnell und final) das Genick brechen, ich wär's zufrieden. Evolutionsbiologisch sind wir für 40 Jahre ausgelegt, d.h. ich bin schon 50 % drüber oder andersrum: Ein Drittel meines Lebens ist ohnehin schon Bonus-Material. Bereits zwei Mal (mindestens) hat nur die moderne Medizin dafür gesorgt, dass ich dieses Bonus' überhaupt teilhaftig werde.   

Wie ich neulich schon andeutete: Ich bin Lichtjahre davon entfernt, mich zu beklagen. 

Längeres Nachdenken führte zu folgender Erkenntnis: Die von mir so empfundene gnadenlose Brutalität des metaphorischen Dampfhammers erzeuge ich selbst. Ich bin einfach geistig zurückgeblieben. Irgendwann, Anfang, Mitte oder Ende 20, ging's im Kern meines Wesens nicht mehr weiter: Ein bisschen neugierig, ein bisschen unsicher, ein bisschen verpeilt, nicht un-fleißig, nicht un-nett, aber mit reichlich Sozialisationsmüll auf dem Buckel ... 

So habe ich sozial unauffällig vor mich hingelebt und natürlich viel gelernt, oh ja, aber im tiefsten Innern blieb immer so eine abgespeckte Spar-Version faust'schen Erkenntnisdranges richtungsweisend, so eine stets unsichere, besser: offene Neugier auf Menschen und Dinge. Genau das ist aber ein Attribut von Jugendlichkeit², und deshalb habe ich eigentlich nie das Gefühl entwickelt, ein "Erwachsener" zu sein oder jemals zu werden. 

Erstaunen und Verunsicherung verspüre ich jedes Mal, wenn mir im Rahmen menschlicher Begegnung eine durch und durch positiv gemeinte Seniorität zugewiesen wird. Kommt zum Glück nicht allzuoft vor. Im Job regel' ich das ziemlich flott mit dem Credo: "Ja, ich mach' das hier schon seit über 30 Jahren, und ich mache das gut, und es wäre erbärmlich, wenn ich in so langer Zeit keine überaus brauchbaren Erfahrungen gesammelt hätte. Aber Du kommst frisch aus der Ausbildung, bringst Engagement, aktuelles Wissen und Zugriff auf den dernier cri der Theoriebildung mit. Let's work together."

Andere Zuweisungen stoßen mir übler auf: Beispiel: Als die Nazis Ende 44 in größter Verzweiflung  den sogenannten "Volkssturm" gründeten, das allerletzte Häufchen militärischen Reserve-Elends, war die Altersgrenze: 16 bis 60. Ab 60, lerne ich, bist Du so ein Wrack, da nehmen Dich nicht mal mehr die Nazis zum Verheizen³. Alte Leute ab 60 sollen sich Corona-boosten lassen. Ab 60 dies, ab 60 das. Nur Arbeiten geht heutzutage offenbar bis 67, immerhin... 

Was wollte ich jetzt sagen? Ach ja: Der oben erwähnte metaphorische Dampfhammer, das ist meine selbstgemachte Befürchtung, dass die Differenz zwischen: "Man ist so alt wie man sich fühlt." einerseits und der gesellschaftlichen Rollenzuweisung an die Zahl 60 andererseits mir in Zukunft mehr Probleme bereiten könnte als bisher. Scheißdreck.

Hoffnungen und Ängste sind gefährliche Illusionen. 

Lao-Tse



(stark verändert via wiki commons)



¹ Nagut: Sex. Ich glaube, es hätte in meinem bisherigen Leben jede Menge mehr Sex geben können (und ich erwarte noch viel für die Zukunft). Allerdings glaube ich auch, dass das buchstäblich JEDE*r glaubt und hofft. Diese never-ending Sexsucht, so wird vermutet, ist sprichwörtlich Teil unserer DNA. Die Aussage "Ich hätte gerne mehr Sex, VIEL mehr Sex!" sollte deshalb in der (Zwischen-)Bilanz eines Lebens in einer anderen Kategorie behandelt werden, als z.B. die Aussage "Hach, da ich nun bald sterben muss, wünschte ich mir doch, ich hätte mich intensiver dem Klavierspiel gewidmet!" oder "Verdammt, ich war nie in Feuerland, immer war das Wetter zu schlecht!"

² Das ist natürlich eine idealisierte Zuschreibung, wie wir alle wissen. Es gibt 15-jährige, die sind so fertig, so un-neugierig und spießig, dass außer Stoffwechseln keine weiteren Lebensäußerungen mehr zu erwarten sind.  

³ Bitte nicht falsch verstehen! Ich will mich nicht beklagen. Es ist nur diese scharfe Trennung "alt" vs. "zu alt", die mich irritiert.



Mittwoch, 3. November 2021

Wahrer Konservativismus

Habe spontan einen - wie soll man das nennen? Heimatführer? Ein Heimatbuch? - von Ostfriesland gekauft, Helmke: Das östliche Friesenland, Wittmund, 2021. Dachte, nettes Geschenk für Leute, die zwar mich kennen, nicht jedoch die Gegend, in der ich lebe. Das Buch entspricht nicht den Hoffnungen, die ich in es setzte. Es tümelt zu viel, und die Tümelei ist mehr oder weniger austauschbar mit jeder ländlichen Region Mitteleuropas. Zwar differiert, was da im Einzelnen tümelt, nicht aber das Tümeln an sich.

Am meisten stört mich der nur schlecht kaschierte Stolz des Schreibers bei der sich ständig wiederholenden Aussage, der ostfriesische Bauer sei nun mal recht(s) konservativ. Erstens waren Landkreis Wittmund und der größere Teil Ostfrieslands bei der Bundestagswahl stramme Sozen-Hochburgen, zweitens bin ich selbst stock-konservativ und wünsche nicht, mit den dümmstmöglichen Spießern unter den Bauern dieser Region in einen Topf geworden zu werden. Zumal die absolute Mehrheit der mir bekannten ostfriesischen Bauern das völlige Gegenteil von dümmlichem Spießertum repräsentiert und ergo nicht konservativ im Sinne o.g. Lektüre ist.

Und da die künftige Ex-Regierungspartei Doitschlands aktuell und aus gutem Anlass darüber nachdenken muss, was "konservativ" eigentlich bedeutet, hier ein wenig Nachhilfe:

Lat. "conservare" heißt "bewahren". Diese Übersetzung erklärt alles, denn bewahren kann man alles, was es je gab, und folglich erklärt sie nichts, denn Syphilis, Hexenverbrennungen und ein Leben als Jäger und Sammlerinnen beispielsweise werden mehrheitlich nicht zurückgewünscht. Die Selbstaussage konservativ zu sein, also bewahren zu wollen, ergibt nur dann Sinn, wenn man spezifiziert, was man für bewahrenswert hält. In meinem Fall wären das die Gedanken 

"Die Starken müssen die Schwachen schützen, die Schwachen müssen sich bemühen, und gemeinsam müssen sie eine für Menschen auch in Zukunft lebenswerte Umwelt garantieren. Und die FDGO. Und: Worauf  Du ein Preisschild kleben kannst, ist nichts wert."

Diese Gedanken sind zwar nie konsequent umgesetzt worden, aber sie sind uralt und mein Konservatismus besteht darin, dass ich es für absolut nötig halte, sie zu bewahren. 

Dagegen steht das Gedankenmodell

"Scheiß auf das Althergebrachte! Du darfst und musst ALLES tun, was Dein krankhaft egomanisch-machtgeiles Hirn Dir eingibt, um mehr und immer mehr Macht über Menschen zu gewinnen. Skrupel zeigen nur Deine Schwäche. Der ausschließliche Erfolgsparameter ist Dein persönlicher finanzieller Profit. Worauf  Du KEIN Preisschild kleben kannst, ist nichts wert.Dieses Modell ist absolut fortschrittlich, denn es bewahrt gar nichts. Lustigerweise entspricht es in unserer politischen Gegenwart dem Axiom jener Parteien, die sich als konservativ verstanden wissen wollen. Was für eine Paradoxie! Es sei denn, man argumentiert: "Menschen waren immer schon  dumme, egoistische Arschlöcher, und daran wollen wir, die wir uns Konservative nennen, nichts ändern." 

Manche Definitionen sind gar nicht so einfach, wie es anfangs scheint. Und wo steht da nun der ostfriesische Bauer oder der bayrische oder hessische oder meck-pommige? Die meisten sind klug und stehen auf der richtigen Seite. Die anderen würde ich nach o.g. Definition gar nicht als konservativ bezeichnen. Die sind einfach nur so strunzendumm, dass sie ihre totale Unfähigkeit, einen neuen Gedanken zu denken, zum politischen Konservativismus hochpimpen. Es gibt einen bestimmten Grad von Strunzendummheit, da kippt die Selbstwahrnehmung, und die Betroffenen entwickeln großen Stolz ob ihrer intellektuellen Immobilität (Beispiele: "Mia san mia!" oder eben, wie bei Helmke, das Hohelied auf den konservativen ostfriesischen Bauern.)  

In diesem Stadium sielen sich die Strunzen in einem Sumpf satter Selbstzufriedenheit und sind für äußere Ansprache nicht mehr erreichbar.     




(verändert via wiki commons; Grace Slick, Woodstock 1969)

Merke: Coole Nicht-Spießer sehen und erleben schönere Dinge.