Samstag, 22. August 2020

Weihnachten, verdammt.

 

Vorgestern, 20. August, im Drogeriemarkt Müller: Weihnachtsvorbereitungen laufen!



Ich erschrecke mich über die eiskalte Ruhe, die mich befällt. 



Und ich spüre immer noch nach, was diese Bilder bei mir auslösen.

  1. Es ist ja nicht nur, dass ich DM künftig boykottieren werde und allgemein dazu ermuntern möchte, derlei Geschäftspraktiken zu sanktionieren.
  2. Auch Weihnachten, zu Tode gewirtschaftet, muss ich mir mit grundsätzlich neuer Bedeutung aufladen.
  3. Und ich muss mit aller Kraft daran arbeiten, meinen Ekel vor der Konsumwelt und den hirntoten Konsumenten nicht auf die gesamte Menschheit zu übertragen.

Bei Punkt 3 ist's natürlich hilfreich, im eigenen Dunstkreis Menschen zu haben, die anders sind und Anlass zur Hoffnung geben ... Was für sentimentale Gedanken - aber wir reden ja auch über Weihnachten, verdammt! 












Donnerstag, 20. August 2020

Strukturell


Wer meint, ein professionell gestylter Garten habe irgendwas mit Natur zu tun, ist noch nie low&slow über die riesigen Gärtnereien des Ammerlands geflogen. 


(gestern südlich Zwischenahn)

Frei nach Büchner: Struktur, das ist, wenn etwas strukturiert ist ... 



Montag, 17. August 2020

Nochmal zum Thema "Wertschätzung"

 

Heute eine sehr ermutigende Meldung des NDR: Die niedersächsische Landesregierung verzichte in Sachen Corona auf weitere Lockerungen. Wörtlich: "Die Regierung werde angesichts steigender Infektionszahlen die Entwicklung nach Schulstart und Rückreisewelle abwarten, hieß es in der Mitteilung." Übersetzung: Wir lassen erstmal laufen und schauen, was passiert.

Mein spontaner Gedanke war: Na toll, früher hat man Minenhunde auf diese Weise eingesetzt, wenn man nicht genau wusste, wie gefährlich ein (minen-)verseuchter Geländeabschnitt ist. Aber dieser spontane Gedanke war  militärgeschichtlich nicht haltbar: Minenhunde waren und sind dafür ausgebildet, gefährliche Minen aufzuspüren. Eine andere Taktik war, sie dafür auszubilden, Minen unter feindliche Panzer zu tragen. Die Überlebenschancen waren in keinem Fall prickelnd, im letztgenannten Fall nur selten ungleich null. Aber: Die Tiere waren fachlich vorbereitet, und es gab ein definiertes Ziel. 

Eine angemessenes Gleichnis zu dem, was die Landesregierung in Niedersachsen jetzt mit Schule plant, findet sich viel eher im "Grubenvogel" oder der "Grubenmaus". Kohlenmonoxid-Vergiftungen waren früher ein ernstes Problem im Untertage-Bergbau: Menschen haben keine Rezeptoren dafür, wir ersticken einfach daran. Kanarienvögel und Mäuse haben auch keine Rezeptoren für CO, aber sie haben einen sehr schnellen, umsatzfreudigen Stoffwechsel, und deshalb sterben sie einfach eher dran, als die Menschen. Der kluge Bergmann nahm diese possierlichen Tierchen also in winzigen Käfigen mit in den Stollen und wenn sie die Grätsche machten, nickte er wissend und sprach er zu sich "Ei verflixt! Hier dräut 'böses Wetter', hier ist nicht gut sein ..." und floh in gesündere Gefilde.

Ich finde dieses Gleichnis besser, weil die Gruben-Kanaries bzw. -Mäuse eben KEINE spezielle Ausbildung hatten, und sie hatten auch kein definiertes Handlungsziel, sie waren einfach nur Opfer, bestenfalls sowas wie organische Indikatoren, quasi der Lackmus-Test auf zwei bzw. vier Beinen. 

Ich bin nur scheinbar vom Thema abgekommen. Was ich fragen wollte:

1. Ist Herr Weil sich eigentlich bewusst, wie und für was er Schüler*innen und Lehrer*innen da wie instrumentalsiert? 

Falls ja, dann ist die freimütige Offenheit seiner Aussage hübsch brutal - ungewohnt und etwas beängstigend, aber auch erfrischend ehrlich: Wir haben keine Ahnung, was passieren wird, also schicken wir erstmal die Kinder und Lehrer vor. Schule ist letztlich verzichtbar. Wenn aber der VW-Konzern nochmal in den Lockdown müsste, ginge es den Shareholdern an die Profite und das geht ja nun mal gaaar nicht! 

2. Kapieren die Eltern eigentlich, was Monsieur le MP da gesagt hat?


(verändert via wiki commons)

"Besser er als ich!", denkt der Bergmann und ich kann's ihm nicht verübeln.
Aber was denkt der Vogel? 







 

Sonntag, 16. August 2020

Zur Semantik der "Wertschätzung"


Demnächst sollen wir Lehrer*innen in Niedersachsen, wie auch in anderen Bundesländern, wieder Regelunterricht abhalten. Das heißt, komplette Klassen, das heißt ohne Mindestabstände, dafür aber vielleicht oder auch nicht mit MNS. 

Mich beschäftigt die Frage, warum nicht wenigstens die Lehrer*innen vorher auf SARS-CoV2 getestet werden. Immerhin hüpfen wir demnächst von einer Schüler*innen-Gruppe in die nächste, müssen da zwar nicht singen, aber immerhin vernehmlich sprechen und entsprechend atmen und werden wir nolens volens engeren Kontakt zu den Kiddos haben, als unter den Bedingungen der Pandemie klug sein kann. Unser Job macht uns zu idealen Super-Spreadern.

Warum also kein verbindlicher Corona-Test für Lehrer*innen?

Nach langem Hin- und Herüberlegen und dem systematischen Ausschluss aller nicht schlüssigen Hypothesen bleibt nur eine Erklärung: Das ist endlich die Wert-Schätzung, die wir Lehrer*innen immer so naiv wie sehnsüchtig wünschen, für die wir immer wieder bereit sind, Leben, work-life-balance, Freizeit und den ganzen Rest zu opfern. 

Die Wert-Schätzung funktioniert so: Unser Arbeitgeber und oberster Dienstherr kalkuliert die Kosten dieses Tests, sagen wir 25,00 € pro Pädagogen-Nase. Bei etwa 76.118 Menschen käme da eine Summe von 1.902.950 € zusammen. Verglichen mit den vielhundertmilliarden Subventionseuros für die coronageschädigten Konzerne wäre das ein Nichtigstel, aber man spart ja, wo man kann, nicht wahr?

Dann überlegt unser Dienstherr, Fürsorgepflicht des Arbeitgebers ist ja sowas von 20. Jahrhundert, das  kann heutzutage niemand mehr ernsthaft wollen. Und es geht ja auch anders: Wenn man auf die Tests verzichtete und die Corona-Erkrankung sehr vieler Lehrer*innen billigend in Kauf nähme, dann müsste nicht das Kultusministerium die Test-Kosten tragen, sondern die Krankenkassen die Kosten der Behandlung! Und wenn ein paar von den stärker gefährdeten Alten auf der Strecke bleiben, ist das  ein erfreulicher Nebeneffekt, weil die ja sowieso nur der Digitalisierung im Weg stehen, diese tattrigen Ü50-Geronten-Zombies!

Wir müssen das Wort Wert-Schätzung also nur auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückführen, dann wird alles klarer. Wert-Schätzung heißt, ich schätze grob überschlägig, was der*die Untergebene meinem Laden bringt und was sie*er kostet. Wert-Schätzung heißt nicht, dass ich einen Wert besonders hoch einschätze.





(ebd.)





Freitag, 14. August 2020

Archetypen

Ein ulkiger Effekt bei der low&slow-Fliegerei ist, dass man Objekte stets aus einer Distanz betrachtet, die man mit minimal 150 m (Sicherheitsmindesthöhe) plus x veranschlagen kann. Man sieht die Objekt aus "höherer" Perspektive, aus ungewöhnlichem Winkel und in weiteren Kontexten. 

Heute habe ich dieses Schiff fotographiert und das Motiv bzw. seine ästhetische Umsetzung erinnern mich an naive Malerei. Der Detailreichtum ist hinreichend, um allgemein ein typisches zeitgenössisches Schiff zu erkennen, aber zu gering, um irgendeine individualisierende Besonderheit zu entdecken. 

Der Blick aus dem Low&Slow-Flugzeug enthüllt Archetypen.



Eigentlich wollte ich heute nach Dankern a.d. Ems oder an die Nordsee, aber von Westen zog so ein undefinierbares Kackwetter rein. Da bin ich dann letztlich doch wieder an meiner Rennstrecke entlang der Weser hängengeblieben.


Das Foto gefällt mir trotzdem ...






Mittwoch, 12. August 2020

Die ewige Sehnsucht nach Gewissheiten

 

Habe gerade in einer Kulturgeschichte über das Yong-Le-Enzyklopädie-Projekt gelesen. Der Ming-Kaiser Yong-Le beauftragt seine Gelehrten, das komplette Wissen der Zeit aufzuschreiben. 1408 liefern die 3.000 involvierten Schreiber tatsächlich über 11.000 Bände bzw. 40 Kubikmeter verschriftlichten Wissens. Was bei Wikipedia nicht erwähnt wird: Nach Übergabe des Elaborats verbietet der Kaiser alle weiteren Veränderungen an diesem Wissensstand. 

Ich verstehe den Mann. Der wollte intellektuell ein für alle Mal Ruhe haben. Und etwas, woran man sich festhalten kann. Dafür hat er ja auch richtig investiert. Ich meine: 3.000 Gelehrte ein paar Jahre lang zu bezahlen, zu ernähren usw., das kostet was. Das war dem Mann wichtig.

Ich habe mir aus demselben Motiv mal ein Buch über Lokomotiven gekauft, obwohl mich Lokomotiven überhaupt nicht interessieren.


(Quellenangabe lohnt nicht, 
das Werk wird zwischen den üblichen Verlagen 
als cash-cow herumgereicht.)

Entsprechende Billig-Bücher gibt es auch über Flugzeuge, Trecker, Schiffe, Handfeuerwaffen, Motorräder und so weiter: Wenig Text, viele Bilder, vor allem aber die Illusion, eine vollständige Faktensammlung zu einem Thema zu haben. Manche Bücher sind ziemlich dick und es ist mühsam und dauert eine Weile, die Inhalte leidlich zu erfassen. Aber wenn man das einmal geschafft hat, kann man sich in diesem Fachbereich als Experte fühlen. Mit Verachtung blicke ich nun auf jene hinab, die die Lokomotiven-Bauart "2C" nicht von "1'Eh3" oder gar "Bo'Bo'" unterscheiden können. 

Das Beste aber ist, dass sich bei der Technik historischer Lokomotiven nicht ständig was ändert *1. Oder bei historischen Treckern. Oder bei Panzern des II. Weltkriegs. Oder ... oder ... oder...

Schaut man sich an, wie viel Raum diese Art von "Sachbüchern" in den Buchhandlungen einnimmt, bekommt man einen Eindruck davon, wie sehr die Menschen sich nach Gewissheiten, und seien sie noch so unbedeutend, sehnen.





*1 Das trifft allerdings nur auf die Technik im allerengsten Sinne zu. Als unfein gilt es, einen der o.g. Lokomotiven-Historik-Experten zu fragen, mit welchen Lokomotiven-Typen die meisten KZ-Häftlinge in die Lager gekarrt wurden. Oder wie viele Zwangsarbeiter bei der Produktion der Baureihe 50 ("...ein sehr leistungsfähiges und wartungsarmes Modell ...") eingesetzt waren.


 




Samstag, 8. August 2020

Alltags-Toleranz

 

Jestern Jespräch mit dem jungen, gutaussehenden Stationsleiter eines Altenwohnheims jehabt. Er berichtet, dass die Alten seinem Schwulsein gegenüber völlig entspannt reagierten. Außerhalb des Heimes, und dort vor allem bei Jugendlichen und dort vor allem bei jenen mit Migrationshintergrund, gäbe es noch ziemlich blöde Reaktionen, wenn er zum Beispiel mit seinem Partner durch die Stadt ginge.  

Zwar nehme ich den ganz überwiegenden Teil unserer Jugendlichen als erfrischend tolerant und progressiv wahr, aber dass die 80+-Fraktion insgesamt noch lockerer drauf ist, sollte Anlass zum Nachdenken sein. Und bei den Migranten gibt es zweifellos auch so'ne und solche, aber in der Summe frage ich mich oft, warum da so ein riesiges Potential an völlig verklemmter Spießigkeit, Intoleranz und Macho-Gehabe vorherrscht. 



War sonst noch was? Ach ja (*1): 

Eigentlich fliege ich nicht barfuß, wenn ich "auf Strecke gehe", aber aus den zunächst geplanten paar touch-'n-gos ist gestern dann doch ein spontaner zweistündiger Überlandflug geworden, und es war heerrr-liech! Sonnenwarme, ruhige, seidige Streichel- Luft ... Erotische Metaphern wären vielleicht übertrieben, aber es fühlte sich gut an.  




Und die visuellen Eindrücke korrespondieren bekanntlich :


"Rückblick": Im Hintergrund Butjadingen und die Nordsee. Der feine, helle Kreisausschnitt ist eine Reflexion der Propellerspitzen. 







*1 Die Floskel habe ich bei "extra3" geklaut. Das ist bitte als ausdrückliches Kompliment zu verstehen.




Mittwoch, 5. August 2020

Eine Art Urlaub


Fühlt sich bisschen an, als gäbe es hier eine kleine Blogpause. Nicht, dass ich verreisen werde, aber einstweilen mich von anderen ästhetischen Genüssen attackieren, von and'ren Musen mich küssen lassen.



(verändert via wiki commons)












Samstag, 1. August 2020

Noch mehr triviales Fliege-Gelaber


Gestern traumhafter Flug nach Kührstedt und zurück, beste Grüße an die lieben Leute vor Ort.

Wenn Aviatoren "hands off" sagen, meinen sie im Regelfall nicht "Finger weg!", sondern das Verhalten des Flugzeugs, wenn man alle Bedienelemente loslässt. Gesunde Flugzeuge - wie meins - fliegen dann bei ruhiger Luft - wie gestern - einfach geradeaus weiter und man könnte, wären da nicht der Fahrtwind und die herrliche Aussicht, ungestört leichte Büroarbeiten erledigen. 



Aus Anstand, Gewohnheit und der guten Ordnunck halber hat man dann aber doch meistens eine Hand an der Steuerung, falls mal was is' ... und ...



... weil man sonst irgendwann anfängt, seltsame Sachen mit dem Fotoapparat auszuprobieren.












Wie weit kann ich mich rauslehnen?









Au ja, auch mal ein Selfie!

Aber was mich nach wie vor ganz besoffen macht, sind die Formen der Landschaft, besonders konturiert durch frühabendlichen Schattenwurf ... 

(gestern, A 27, nördlich Bremen)


... und immer wieder: Der teils mähliche, teils abrupte Übergang vom ländlichen in den städtischen Raum:


(gestern, bei Berne)

Ich bin zu faul für zeitaufwändige Video-Bearbeitung, deshalb gibt es hier immer nur Fotos, Schnappschüsse, um genau zu sein. Wer einen bewegtbebilderten Eindruck von low&slow wünscht, der/dem* empfehle ich die Videos von Golf Foxtrott 22, z.B. hier. 


Jaja, liebes selbstkritisches Gewissen, dieser Blog-Artikel ist ganz und gar trivial, d.h. frei von gesellschaftskritischen Ansätzen etc. etc., aber erstens habe ich Urlaub, zweitens ist das hier MEIN Blog, und ich kann ziemlich weitgehend machen, was ich will und drittens ist die Fliegerei wahrscheinlich auch deshalb so entspannend, weil sie Dir zwischendurch mal die Birne freipustet. 






Mittwoch, 29. Juli 2020

12.000 ziehen ab

Wer mitverfolgt, wie Trump die US-Bundespolizei zu seiner privaten politischen Schlägertruppe degradiert, kann eigentlich nur froh sein, dass jetzt 12.000 amerikanische Militärangehörige aus Deutschland abgezogen werden. Es bleiben vorläufig noch 23.000, aber ein guter Anfang ist immerhin gemacht ...






Mangels anderer Ferienlektüre lese ich gerade zum zweiten Mal Cixin Lius "Dunklen Wald", einen Zukunftsroman. Da taucht dann unter anderem die Vision einer gewaltigen Weltraumflotte auf, die organisatorisch in ein chinesisch-asiatisches, ein russisch-afrikanisches und ein nordamerikanisch-europäisches Kontingent aufgeteilt ist.

Kein Vorwurf an den Verfasser, der den Text 2008 erstveröffentlichte, aber beim diesmaligen Lesen dachte ich: "Nee, mein Lieber, da hat die Realität Deine Utopie bereits überholt. Kaum plausibel, dass US-Amerika in naher Zukunft noch irgendwes Verbündeter ist, jedenfalls nicht der Verbündete der demokratischen Staaten Europas."

Es ist eine spannende Erfahrung, sich mit Zukunftsvisionen auseinanderzusetzen. Man spürt ganz intuitiv, was stimmig ist und was nicht. Ganz sicher ist: Die US of A taugen nicht mal mehr literarisch-fiktiv für eine Rolle als good guy.






Und woran denken wir, wenn wir "Ami go home!" denken?









Aktuelle Ergänzung: Die russische Propaganda ist zwar unerträglich dumm und primitiv und eine Beleidigung des Intellekts, aber wenn sie Grund zur Freude hat, steht sie ganz offen dazu. Wer will's ihnen verdenken?