Freitag, 26. Oktober 2018

Zuviel der Wahrheit


Habe gerade eine Hose gebügelt. Bemerkte erstmals im Hosenbund innen einen Aufnäher:



Na toll! Vielen Dank auch, J&J! Allerdings war mir auch ohne diesen idiotischen Hinweis klar, dass auch in diesem Jahr ich es nicht ganz geschafft habe, meinen ideal-fitten "Beach-body" herzustellen. Und dass meine Kondition schon mal besser war. Seit ich fliege, habe ich einfach nicht mehr so viel Zeit zum Laufen, eigentlich gar keine. Und meine Falten, das sind alles Lachfalten. Bin eben ein fröhlicher Mensch. Gut, der leichte Bauchansatz ... der ... äh ... ist da.

Aber was, zum Geier, geht das Euch an? Und wie kommt Ihr überhaupt dazu, so eine Frechheit in meine Hose einzunähen? Ich trage Jeansgröße 33-34/34, das ist ja nicht gerade die Abteilung "Elefanten-Zelt", oder? Was macht Ihr denn bei 40/32? Näht Ihr dann den Schriftzug "Fette Sau" ein? Und wieso sind meine Hemden "Slim Fit", während Ihr Blödmänner meinen Hosen "Anti Fit" attestiert? Habe ich nur dicke Beine, oder was?

Was sagen eigentlich Eure Marketing-Fuzzies zu dieser kundenfeindlichen, beleidigenden Aussage? Mal googeln ...
...
Aha ...
...
Ahso!
...
Hm.

Okay, also "Anti Fit" bedeutet gar nicht, dass Leute, die solche Hosen tragen wie ich, allesamt Fettmopse und das Gegenteil von "fit" sind. "Anti Fit" bedeutet alles mögliche ungereimte Spezial-Blabla im Hinblick auf den Schnitt der Hose.

Sollte ich ein kleines klitze-bisschen überempfindlich reagiert haben?

Nein, die Frage muss lauten: Ist es wohl ein Zeichen echten Alt-werdens, wenn man anfängt, jedes scheinbare Indiz dafür so wichtig zu nehmen?

 

(verändert via wiki commons)















Donnerstag, 25. Oktober 2018

Juhuuu! Die Einschläge kommen näher!


Irgendein Stimmchen inneren Wahnsinns jubiliert gerade in mir: Unser Auswärtiges Amt verschärft die Reisewarnungen für die Türkei, in der aktuellen Fassung besonders für Leute, die den Ziegenpeter vom Bosporus in sozialen Medien kritisch angegangen sind. Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke, jetzt geht's mir an den Kragen!

Warum mich das freut? Weil ganz deutlich die Autokraten * und Möchtegern-Autokraten den Diskurs so weit zuspitzen, dass nun jede/r Einzelne von uns gezwungen wird, eine Ja-/Nein-Position zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu beziehen.

Immerhin kann ich jetzt mit märtyrermäßig-stolzem, theatralisch-vorwurfsvollem Ausdruck schwersten inneren Leids Jedem und Jeder, der / die jetzt noch Urlaub in der Türkei macht, erholsame Tage wünschen, in dem Land, das zu betreten mir nun durch die staatliche Drohung mit Verfolgung und Knast verwehrt ist. Ironie beiseite: Ich habe schon seit dem Putsch nicht mehr verstanden, wie man da noch hinfahren, urlauben oder Geschäfte, Waffengeschäfte gar, machen kann. Und ganz ernsthaft: Ich hätte Schiss, da jetzt hinzufahren.

Und kommt mir nicht, wie neulich jemand, mit dem Argument, das sei ja nur die bescheuerte türkische Regierung, die Menschen seien ja ganz anders. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube vielmehr, dass Erdogans Dicke-Hose-Politik beim Großteil der Bevölkerung gut ankommt, und dass die Wahlen, die ihn immer wieder bestätigen, frei und geheim und gleich sind.

Wir müssen endlich mit der Bequemlichkeit aufhören! Ein Türkei-Urlaub ist für freiheitliche DemokratInnen ethisch derzeit nicht darstellbar. Und wir müssen die kranke Profitgeilheit unserer Konzerne einfangen: Geschäfte mit der Türkei sind nicht möglich. Punkt. Und wenn Altmaier sagt, man müsse da eine europäische Lösung finden, dann ist das doch nur wieder altbekannte, wirtschaftsfreundliche Verzögerungstaktik. Wo eine Wille wäre, wäre auch ein Weg. Wo kein Wille ist, gibt es Ausreden.





(verändert via wiki commons)
" ... letztes Jahr waren wir ja auch schon in Mordor, ganz reizend! ... Landschaften, sag' ich Dir, sowas sieht man hier gaaaar nicht, und Essen und Unterkunft waaahnsinnig preiswert ... guuut, man muss etwas aufpassen, was man sagt, aber im Urlaub will man ja sowieso nicht an Politik denken und diese ganzen häßlichen Geschichten. Und mein Mann sagt, man kann tadellose Geschäfte machen, hier unten, die kaufen richtig anständige Mengen und erwarten schon hohe Qualität und sind auch bereit, gut dafür zu zahlen. Klar, da hängt ja auch einiges von ab: Die setzen die Waffen ja auch ein, teilweise sogar gegen uns oder unsere Freunde, aber trotzdem ... (lacht) ... wenn wir denen keine Waffen verkaufen, macht's ein Anderer, nicht wahr, und dann können wir das Geschäft wenigstens noch mitnehmen ..."






* Habe neulich irgendwo gelesen, Erdogan sei ein "Soft-Autokrat". Was für ein Schwachsinn! Man kann autokratisch sein oder nicht. Es käme doch auch niemand auf die Idee, eine Frau als "hard-schwanger" oder "soft-schwanger" zu bezeichnen. Dass Erdogan vorläufig aus taktischem Kalkül seinen Faschismus erstmal noch im Rahmen des jeweils herrschenden Rechts durchprügelt, ändert doch nichts. Das hat Hitler haargenau so gemacht.

Samstag, 20. Oktober 2018

Peinlicher Wettkampf


War gerade dienstlich fünf Tage lang "aus der Welt", überblättere die Nachrichten-Portale.

Stelle fest: Wir sollten uns mit dem populistischen Schwachsinn der Trumps, Erdogans, Salmans, Söders, Orbans und dergl. nicht länger im Einzelfall beschäftigen. Das kostet unnötig viel Zeit und Kraft und führt zu nichts Gutem.

Stattdessen müssen wir die gezielten Verstöße gegen die einfachsten zivilisatorischen Normen (Menschrechte, Pressefreiheit, Toleranz, Vernunft, Mitgefühl) insgesamt wie einen Penisvergleich* dümmstmöglicher Spätpubertierender werten. Der Wettstreit der Autokraten besteht darin, sich gegenseitig zu zeigen, was man sich trauen darf, welche sprachliche und sonstige Perversion man sich noch schadfrei leisten kann, wie sehr man ungestraft bestehendes Recht und die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen treten kann, welchen Journalistenmord** die Leute einem noch durchgehen lassen usw. Und da will natürlich einer den anderen übertrumpen.

Und solange keiner von diesen Leuten ernsthaft was auf die Fresse kriegt, aber so, dass es richtig wehtut***, solange - im Gegenteil - dieser pubertäre Dicke-Hose-Gestus öffentlich beklatscht wird, wird der Wahnsinn immer weiter eskalieren. 






(verändert via wiki commons)
Diktatoren-Pimmel als Ausmalbild







* Die polnische Ministerpräsidentin Szydlo muss dabei natürlich den Penis von Jaroslaw Kaczynski hochhalten.

** verbal oder real

*** Sicherheitshalber ergänze ich: Dies ist eine Metapher!






Samstag, 13. Oktober 2018

Weisheit ist: Viele Fehler gemacht zu haben.


Ich missbrauche diesen Blog ausnahmsweise für eine persönliche Entschuldigung: Ich habe gestern probehalber mit "MeWe" hantiert, einer Plattform, die den Anspruch hat, die Facebook-Funktionalität darzustellen, ohne dessen allseits bekannte Brutalität im Sammeln und Verscherbeln unserer Daten an den Tag zu legen.  

Im Zuge dieses Herumexperimentierens sind automatisch und ohne mein Wollen und Wissen dümmliche SPAM-Nachrichten an acht bis zehn Whats-app-accounts verschickt worden.


Ich bitte, wie gesagt, diese unbeabsichtigte Belästigung zu entschuldigen und habe meinen Mewe-account zwischenzeitlich schon wieder gelöscht, das Problem sollte damit erledigt sein.

Das Ganze entstand sowieso nur aus dem flächendeckend diskutierten Gedanken, alle Welt wisse zwar, dass Facebook ein rechtlich und ethisch untragbares Produkt sei, aber niemand wechsle zu den durchaus vorhandenen technisch gleichwertigen und ethisch erträglicheren Alternativen, weil ALLE bei Facebook seien und NIEMAND bei den anderen. Man müsse, so die mir einleuchtende Logik, einfach nur der Vernunft folgen und wechseln, dann wäre der Schweine-Laden Facebook erledigt.

Nun war ich nie Facebook-Nutzer, dachte aber, wenn ich mich einfach als statistisch erfassbarer Mewe-Nutzer registrierte, trüge ich ein Winzigstel zur guten Sache bei ... naja, und da ich schon mal so einen account hatte, wollte ich gestern einfach mal Grenzen und Möglichkeiten testen, und dann ... siehe oben.

Der gestrige Ausflug in diesen Bereich der social media hat zwei interessante Erkenntnisse gebracht:

  1. Ich habe nach wie vor keinen Kommunikationsbedarf, den ich nicht im persönlichen Miteinander, per Telefonat, e-mailing, instant-messaging und blogging befriedigen kann.
  2. Facebooks Macht, insbesondere die Macht zum ungestraften, skrupellosen, opportunistischen Missbrauch dieser Macht, liegt nicht in einer ungeahnten, unerreichbaren, besonders ausgebufften Technik begründet, sondern im dumpfen, logik-resistenten Herdentrieb seiner NutzerInnen. Dieser Herdentrieb ist insofern dumpf - und nicht etwa mit Schwarm-Intelligenz zu verwechseln - als er ausschließlich konservativ und zur kollektiven Problemerkennung und -lösung völlig außerstande ist.




(Vinci, Entwurf Drehbrücke, verändert via wiki commons)





Donnerstag, 11. Oktober 2018

Whatever you want


Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich wieder diese doofen Spielverderber-Fragen stellen muss, wirklich!

Also: Die Bundes-Bildungsministerin, die es eigentlich gar nicht gibt, weil in diesem unserem Staate Bildung Ländersache ist, will ganz, ganz unbedingt für fünftausend Millionen Euro Hardware kaufen und den Schulen "schenken". Das ist nicht so einfach, weil Landesplittikörr zwar einerseits immer gerne Ware für lau annehmen, aber andererseits befürchten, dass sich der Bund damit nur Verfügungsmacht in den Schulen einkaufen will, und das ist genau dessen Absicht, denn andernfalls könnte die "Bundesbildungsministerin" die fünf Milliarden ja an die Länder geben, auf dass die dann einkaufen gingen. Gut, das sind die üblichen, allzubekannten dreckigen Machtspielchen eines sich selbst erhaltenden Systems, die mit unseren Steuergeldern finanziert werden. Dafür soll jetzt sogar das Grundgesetz geändert werden.

Als Demokrat, Wähler und Steuerzahler macht mich das unglaublich sauer, aber als kleiner Provinzpauker stehe ich ganz unten in der Nahrungskette und habe ganz andere Probleme, die ulkigerweise gar nix mit EDV zu tun haben.


Meine SchülerInnen können nicht mehr schreiben.

Ich rede da auch von Achtklässlern und höheren Jahrgängen. Die haben großteils das Problem, dass sie nicht einmal dann Text fehlerfrei übertragen können, wenn ich den an der Tafel oder am interaktiven Board vorschreibe. Oder als Arbeitsblatt reingebe.

Und wenn sie das rein motorische Problem der unfallfreien Übertragung von Buchstaben, Wörtern und vielleicht sogar kurzen Sätzen einigermaßen gewuppt haben, so dachte ich, wäre es doch nützlich, wenn wir sie in die Lage versetzen könnten, mithilfe dieses uralten aber neu-erlernten Zeichensystems ihre Gedanken zu verschriftlichen, vielleicht gar komplexe Zusammenhänge schlüssig darzulegen, so dass andere Menschen diese Gedanken aufgreifen, mit ihnen weiter kognitiv operieren und ihre Ergebnisse wiederum dokumentieren könnten.

Es ist - pardon: war - schon eine dolle Sache, dieses "Lesen-und-Schreiben-Können". Hat uns echt voran gebracht ...

Genug der Vorrede, hier die Fragen:

  • Aufgrund welcher Datenlage kommt Frau Karliczek zu der Erkenntnis, Mangel an Hardware sei Dreh- und Angelpunkt der Bildungskatastrophe, die gerade jetzt an unseren Schulen stattfindet?
  • Hängt sich die ganze Bildungs-Diskussion in Deutschland vielleicht nur deshalb an Hardware- und Cloud-Fragen, weil Plittikörr sich viel besser bei der Übergabe von irgendwelchem (!!!) Computerscheiß fotographieren lassen, als wenn sie berichten, es seien in diesem Jahrgang ein paar Prozent weniger funktionale Analphabeten mit Hagen und Zagen durch die Prüfung geliftet worden?
  • Sind fünftausend Millionen Euro nicht auch ein nettes Geschenk an die Industrie? Ich mein', wer verdient schon daran, wenn man SchülerInnen echtes Lesen und Schreiben beibringt? Niemand! Doch, ja, die Lehrer, aber haben die eine nennenswerte Lobby? Nein? Na also!
  • Ist die Kulturtechnik "Lesen-und-Schreiben-Können" gesellschaftlich überhaupt noch gewünscht? Reicht es nicht, ein paar Führungskräfte darin auszubilden, und den Rest weiterhin darin zu bestärken, Katzenfotos und streaming seien die Must-have-Over-Burner, sinnentnehmendes Lesen und sinnstiftendes Schreiben seien hingegen Bildungs-Eliten-Spießer-Kacke, total überflüssig, und Bücher seien per se langweilig und anstrengend und ein erfülltes Leben hieße, sich sechs Stunden (*) am Tag mit einem streaming-Dienst die Birne wegzuflexen, den Rest des Tages zu schlafen, zu essen, niedere Arbeiten zu verrichten und vor allem: allen möglichen Mist zu konsumieren? 
  • Ist es nicht auch so, dass "Lesen-und-Schreiben-Können", seit es der breiten Masse zur Verfügung stand, immer nur für ganz viel Aufmüpfigkeit und Unruhe, bis hin zur unverhohlenen Kritik an der Obrigkeit, geführt hat? In Bayern, Indonesien, der Türkei und allen weiteren Autokratien würde man formulieren: "Alphabetisierung ist Beihilfe zum Terrorismus!"
  •  Und ist es nicht auch so, dass "soziale Netzwerke" und "cloud-computing" im Gegensatz dazu herrlich herrschaftlich kontrollierbare, volltransparente, pflegeleichte, beeinflussbare, zufriedene, hirnamputierte Zombie-Konsumenten-Sklaven-Heere schaffen? (**)
Geht einfach davon aus, dass ich als Lehrer eine durch und durch korrupte Söldner-Seele bin. Aber ich bin auch schrecklich dumm und brauche klare Anweisungen. Sagt mir einfach geradeheraus, wenn ich aufhören soll, das einst wichtigste und höchste Ziel aller Pädagogik, die Erziehung der Heranwachsenden zu mündigen StaatsbürgerInnen zu verfolgen. (***) Internetsüchtige, hirntote Konsum- und Arbeitssklaven zu schaffen, ist kein so attraktives Ziel, aber das kriege ich auch hin. Kostet etwas mehr, weil's ethisch nicht so prickelnd ist.


(verändert via wiki commons)
(...)
Whatever you want
Whatever you like
Whatever you say
You pay your money
You take your choice
 
Whatever you need
Whatever you use
Whatever you win
Whatever you lose
 
You're showing off
You're showing out
You look for trouble
Turn around, give me a shout
(...)
 
                                         Status Quo






 (*) Durchschnittswert mitteleuropäischer Jungerwachsener, Quelle wird nachgereicht. Statista meldet 196 min täglicher Nutzung für Deutschland 2018, aber da sind Säuglinge und Greise mitgerechnet.
(**) Bitte mal prüfen, mit welcher Taktik genau Cambridge Analytics den Wahlsieg für Trump konstruiert hat.
(***) §2 NSchG





 






Dienstag, 9. Oktober 2018

Schweigefuchs


Ach, ist das süß! Das hatte ich bis dato noch nicht gewusst, dass die Geste, die wir den allerjüngsten Schülerinnen und Schülern als "Schweigefuchs" oder "Leisefuchs" vermitteln, von den türkischen Faschisten als sogenannter "Wolfsgruß" bezeichnet und benutzt wird. Und da ich fast gar nicht in den jüngeren Jahrgängen unterrichte, habe ich auch nichts von der Diskussion des vorvergangenen Frühjahrs erfahren, diese Methode, leidliche Ruhe im Klassenraum herzustellen, abzuschaffen, weil man damit ja den Faschisten in die Hände spiele.

Was für ein Unsinn! Das Gegenteil sollten wir tun.

Was gibt es Herzerfrischenderes, als ein Rudel faschistischer Irrer dabei zu beobachten, wie sie von ihren Ober-Einpeitschern zu Rassenhass und ethnischen Säuberungen, zu Mord und Totschlag aufgestachelt werden und dabei ständig den völlig infantilen "Schweigefuchs" der Kindergarten- und Grundschulkinder machen?

Sowas muss man einmal gesehen haben, um für immer und ewig die Schwachsinnigkeit dieser massenverblödenden Symbol-Huberei der Minderbemittelten zu begreifen. Lass den Nazis doch ihre "AH"- und "88"-Kennzeichen, ihre Wolfsangeln und Steinar-Klamotten. Wenn sie das nicht hätten und nicht regelmäßig ein Hakenkreuz, böse, böse, anstierten, würden sie vermutlich vor lauter Doofheit vergessen, dass sie Nazis sind.

Den Amis geht's doch genau so. Von einem normalen Menschen erwartet man, sie / er sei ohne permanentes Flaggezeigen in der Lage, die je eigene Nationalität unfallfrei zu memorieren. In einem Land, in dem Werbung, Filmplots und andere kulturelle Ergüsse aber an 11-jährigen getestet werden müssen, um sicherzustellen, dass Erwachsene (sic!) mit dem Produkt nicht etwa intellektuell überfordert würden, ist das wohl nicht durchhaltbar. Und folgerichtig müssen die "Stars 'n Stripes" sprichwörtlich flächendeckend drapiert werden.

Die Mehrheit der Katholiken in Bayern sind offenbar auch blöd oder zumindest religiös nicht sehr gefestigt, sonst würden ja nur Vollidioten auf die Idee kommen, Kruzifixe in Amtsstuben zu dekretieren. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass die Bayern ohne diese Maßnahme schlagartig zum Islam konvertierten, oder schlimmer noch, nähme man ihnen obendrein das blauweiße Rautenmuster weg, würden sie über Nacht vernünftig und ergo zu Preußen werden.



(Der "Schweigefuchs" - verändert via wiki commons)
Zeigt den Faschos lieber mal das "Schweige-Einhorn".











Sonntag, 7. Oktober 2018

Customer-Scoring


Uiuiuiiui! Gerade einen Artikel über die Gefahren des Customer-Scorings gelesen. Schlimm. Ganz schlimm. Da werden massenhaft alle möglichen Daten von uns gespeichert, gekauft, verkauft, gesammelt und quasi folienhaft übereinander gelegt, und dann bricht die tiefste Hölle des individuell feingetunten Marketings und des Kapitalismus über uns herein, weil die Verkaufs-Fuzzis ja nun auf drei Stellen nach dem Komma genau wissen, was für Vorlieben wir haben, wie viel Geld wir erwirtschaften, wie viel davon freiverfügbar ist, welche Produkte, Kreditvolumina etc. etc. auf welchem optimalen Kommunikationsweg man uns anbieten muss, damit wir kaufen, kaufen, kaufen ...

Allzuoft, wenn es um geldliche und ökonomische Verhaltensmuster in dieser unserer Gesellschaft ging, war mein ohnehin wohlausgeprägter Zynismus nicht annähernd fies genug, um das wahre Ausmaß der aktuell stattfindenden Katastrophe zu erfassen. Daher rate ich den geneigten LeserInnen, selbst einmal den Begriff "Customer-Scoring" zu googeln und den dernier cri der Szene zu erspüren. Die Anbieter gehen ganz offen und unbedarft, gleichermaßen naiv und skrupellos mit den ungeahnten Möglichkeiten der digitalen Profitmaximierung zu unseren Ungunsten um. Sage also niemand, man habe es nicht gewusst.

Apropos "naiv": Im Oktober 2018 zu fordern, man müsse Vorsicht walten lassen, müsse rechtzeitig Regeln schaffen etc., ist kompletter Unsinn. Der Drops ist längst gelutscht, und ganz gewiss werden die Lobby-Vertreter ihren Polit-Marionetten in den Parlamenten nicht gestatten, dieses überaus einträgliche Geschäft in irgendeiner Form zu beeinträchtigen. Keine Chance!

Was bleibt?

Erstens: Die klammheimliche Freude an der Gewissheit, dass sowohl gegenwärtig als auch zukünftig die Marketing-Fuzzies in Sachen Selbstüberschätzung nicht nur planetar, sondern vermutlich galaxisweit führend sein dürften und dass sie mit ihren übertriebenen Profitversprechungen genau so die gutgläubigen, profitblinden Unternehmen schädigen, wie uns Endverbraucher. Dass Customer-Scoring so sauber, so aalglatt und problemfrei zusätzliche Profite generiert, wie die Anbieter der Methode uns glauben machen wollen, darf bezweifelt werden. Marketing-Fuzzies sind die allseits verachteten, tragikomischen Clowns des Kapitalismus, für's Volk gemeingefährlicher als die mittelalterlichen Hofnarren, ansonsten vergleichbar..

Zweitens: Konsumverzicht, Boykott. Klingt dramatischer, als es ist. Im Alltag ist die Sache furchtbar einfach: Wenn Du weißt, dass ein Unternehmen scheiße ist, kaufe deren Produkte nicht. Eine Bank gibt Dir keinen Kredit, weil Du im falschen Stadtviertel wohnst, die falsche Hautfarbe hast? Warum, zum Teufel, solltest Du so eine Bank durch weitere Umsätze unterstützen? Bist Du blöd? Und wenn Dir keine Bank weltweit einen Kredit zu leidlichen Konditionen geben will? Dann haben die entweder alle die selben Scoring-Datensätze zugrundegelegt, sind also alles Schweine, oder Du bist vielleicht wirklich nicht in der Lage, so einen Batzen zurückzuzahlen. Such' Dir andere Wege. Oder willst Du eingestehen, vom System abhängig, auf es angewiesen zu sein? Was wäre das denn für eine Niederlage?!



(via wiki commons)

Der Trick ist: Einfach nicht kaufen, wenn man's scheiße findet. 











Samstag, 6. Oktober 2018

Ansichts-Sachen



Weil's unten schon thermisch blubberte, bin ich heute mal auf fliegerkameradschaftlichen Tipp hin brutale 600 m hoch gestiegen, wo einer Inversion wegen die Luft wie Samt & Seide daherkam.


(Heute irgendwo über dem Saterland, ca. 1.900 ft)

Dabei fiel mir wieder mal auf, wie unterschiedlich die Eindrücke beim Fliegen in der sehr, sehr  offenen Klasse, den 120-kg-Trikes, sein können. Wenn man einfach nach vorne schaut, ist es wie eine luftige Variante des Autofahrens: Vor Dir das Cockpit mit den Intrumenten, dahinter Gegend, sehr viel Gegend, dazu ein geiler Überblick, keine Ampeln, keine Staus, keine Kompromisse.


(Oldenburg, heute, von Süden aus betrachtet, ca. 2.000 ft)

Und schaust Du aus dieser Höhe nach unten, sieht alles aus, wie eine Landkarte ... na gut: wie eine 3D-moving-map mit einer Bildschirmauflösung, die jedem anständigen Basic-Vanilla-Normalo-User die Tränen ins Antlitz triebe.





Ulkig wird's aber Vielen, wenn sie ihren Blick z.B. an der Tragfläche entlanglaufen lassen, die sich in die bodenlose Unendlichkeit streckt. Oder man folgt der Perspektive der Spannseile, die weit, immer weiter über die ohnehin karge Muckeligkeit des Cockpits hinausweisen. Erfahrungsgemäß ist's noch eine Steigerung des Ulks, in einer Steilkurve an der zum Boden gerichteten Fläche entlangzupeilen, wenn diese gerade auf ein alleinstehendes hohes Hindernis, einen Funkturm o.ä. gerichtet ist, denn dann wird Dir die tatsächliche Höhe, genauer gesagt, die enorme Menge des leeren Raums zwischen Dir und der Erdoberfläche klar, und das ist ein echter Kick!

Dieser Kick nudelt sich aber ziemlich schnell ab, so ähnlich wie beim Achterbahnfahren ...



... und es bleibt am Ende nur der größte, der ultimative, der sich-niemals-abnudelnde Kick des Fliegens:

Das Gefühl, Dein Geist werde erfüllt mit dem klaren, hellen Blau der unendlichen Halbkugel über Dir und ist gleichzeitig fest verwurzelt in der kraftvollen, lebendigen Erde unter Dir, und Du wirst Eins mit Allem, und Alles eins mit Dir ...


Fliegen ist ein meditativer Akt. Und NIRGENDWO steht geschrieben, dass Du NICHT 36 PS und 8,80 m Spannweite zu Hilfe nehmen darfst, um Samadhi näher zu kommen und Samsara zu überwinden.




 (verändert via https://www.sunnataram.org/)
Jaaa, Du kannst Dich auch unter einen Bodhi-Baum setzen -
aber Fliegen ist irgendwie geiler!







Freitag, 5. Oktober 2018

Mehltau


  1. Man nehme namhafte deutsche Nachrichtenportale und sichte sie täglich.
  2. Man streiche geistig alle Artikel, die sich mit den USA beschäftigen. Beispiel: Warum soll es uns besonders interessieren, ob ein von Trump designierter Polit-Kasper, einer von vielen, vor 35 Jahren, im Alter von 17 Jahren, ein Mädel vergewaltigt hat? Wollen wir alle versuchten Vergewaltigungen im Umkreis von 9.000 km zur Pressemeldung hochpeitschen? Dass Trump ein gefährlicher Irrer ist, ist mittlerweile auch keine Neuigkeit mehr. Weckt mich, wenn in den USA etwas passiert, was relevant ist.
  3. Man streiche weiterhin Artikel, die darüber berichten, dass doitsche Plittikörr etwas meinen, planen, wünschen, fordern, ablehnen. Wir haben derzeit keine demokratische Streitkultur, sondern rückgratlose hyper-windschlüpfrige Opportunisten-Kader auf der einen und braune Brüllaffen auf der anderen Seite. Weckt mich, wenn sich daran etwas geändert hat oder die Auto-, Waffen- oder Agrarlobby ein statement raushaut.
  4. Man streiche alle Ergebnisse von Wahlprognosen und "Experten"-Meinungen. Selbsterklärend. Weckt mich bei der ersten amtlichen Hochrechnung.
  5. Man betrachte den durch die gedachten Streichungen freigewordenen Raum und was an Meldungen übrig bleibt: Naturkatastrophen und Autokraten, die ihre schwerstverdummten Anhänger immer tiefer ins Dunkel nationalistischen Fundamentalismus' führen. Gegen Naturkatastrophen können wir aber genau so wenig unternehmen, wie gegen ungarische, bayrische, sächsische, türkische, polnische, israelische, iranische und saudische Volksverhetzer.

Kurzgefasst: Unsere Journaille erstickt uns mählich im Altbekannten, Unveränderbaren - statt bissig und kritisch aufzuzeigen, wo jedes Einzelnen Tatkraft und flottes Umdenken dringend gefordert sind.





 (Juli '18, NO Oldenburg, 700 ft)



Samstag, 29. September 2018

Sooo nicht, AfD!


Es liegt in der Natur der AfD, SchülerInnen zur Denunziation ihrer Lehrer aufzufordern. Das haben die Nazis auch so gemacht, deshalb muss es einfach gut sein.

Wenn also ein/e LehrerIn die latente und potentielle Verfassungsfeindlichkeit der Braunbratzen anprangert, dann soll das internetöffentlich gemeldet werden. Was anschließend passieren soll, habe ich nicht richtig verstanden, aber die seinerzeit übliche Einweisung in ein KZ zu fordern, das haben sich die Herrschaften dann doch noch nicht getraut. Egal.

Als rot-grün-links-öko-pax-fairtrade-menschenrechts-versiffter Lehrer beschwere ich mich hiermit ausdrücklich gegen diese Idee der AfD und begründe wie folgt:

Natürlich betrachteten es alle normal denkenden und empfindenden Menschen als riesengroße Ehre, namentlich auf der Liste der denunzierten LehrerInnen zu erscheinen. Selbst hirntote AfDler müssen doch verstehen, dass es seit den Berufsverbote-Prozessen der 1960/70er Jahre für uns keine sinnvollen Anlässe mehr gab, unsere Treue zur Verfasssung ganz persönlich, konkret und valide unter Beweis zu stellen und dass wir folglich nach solchen Fascho-Scheiß-Methoden süchten, wie ein Ertrinkender in der Wüste.

Darüberhinaus haben die meisten von uns mehrfach beeidet, alles zu tun, um auf diese Liste zu kommen. Ich erlaube mir, mein eigenes Beispiel anzuführen. 1981 gelobte ich nach §9 des Soldatengesetzes "..., der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen." und 1991 und 2006 schwor ich den Diensteid nach §65 des niedersächsischen Beamtengesetzes "... dass ich, getreu den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates, meine Kraft dem Volke und dem Lande widmen, das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und die Niedersächsische Verfassung wahren und verteidigen, in Gehorsam gegen die Gesetze meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegenüber jedermann üben werde."

Übersetzt heißt das: Selbstverständlich werde ich in aller Offenheit eine Gruppierung kritisieren, die, wie die AfD, unsere FDGO latent in Frage stellt. Ich bin dazu verpflichtet!

Und übersetzt heißt das weiter: Jede Lehrerin und jeder Lehrer, der oder die nicht alsbald auf der AfD-Liste namentlich erwähnt wird, setzt sich dem Verdacht aus, allergrundlegendste Dienstobliegenheiten vernachlässigt zu haben. Wahrscheinlich gibt es in ein paar Monaten eine Menge sehr unangenehmer Personalgespräche, in denen peinvolle Fragen gestellt werden, wie z.B. "Frau X, / Herr Y, Ihr Name taucht in der AfD-Liste nicht auf - wie halten Sie es eigentlich mit Ihren staatsbürgerlichen Pflichten, mehr noch: Was bedeutet Ihnen eigentlich noch Ihr Diensteid? Wie fest stehen Sie eigentlich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, da die AfD offenbar kein Problem mit Ihnen hat??!!!"

Tja, da möchte man natürlich schnellstmöglich auf die Liste. Aber dazu muss man SchülerInnen (oder deren Eltern) haben, die ethisch und psychisch so deformiert und krank sind, dass sie sich wirklich wie die schmierigen Denunzianten von Annodunnemals verhalten. Und was tut man, wenn man nur SchülerInnen hat, die ethisch fit und geistig und seelisch stabil sind? Da kann man noch sehr gegen die Nazis wettern und unsere Verfassung verteidigen, die applaudieren, aber niemand von denen käme auf die Idee, das an die Faschos weiterzugeben.

Und einfordern kannste das ja auch nicht, als Lehrer. Das verträgt sich nicht mit der Lehrerrolle, SchülerInnen zu bitten, Dich bei der AfD zu melden. So etwas fällt ja auch auf die SchülerInnen zurück, die rennen für den Rest ihres Lebens mit dem Stigma herum, ihren Lehrer an die Nazis verpfiffen zu haben. Dass das abgesprochen war, weiß doch in ein paar Jahren niemand mehr, und die AfD wird jede derartige Meldung als einen Erfolg feiern. Da können die Jugendlichen bzw Jung-Erwachsenen für's Leben traumatisiert werden.

Bleibt natürlich die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen. Aber das ist ... unnatürlich. Man kann sich schlecht selbst denunzieren, denn ein Aspekt der Denunziation ist ja, dass der Denunziant zum eigenen, niedrigen Nutzen handelt. Außerdem bestünde die Gefahr, dass KollegInnen, die noch gar nicht pflichtgemäß, will sagen: gemäß des von ihnen geleisteten Eides, gegen die AfD zu Felde gezogen sind, dies wahrheitswidrig zu Protokoll geben.

Wir kommen also zwangsläufig zu dem Schluss, dass die AfD hier wieder einmal nicht zu Ende gedacht hat. Man kann nicht einfach eine so wichtige Ehren-Liste installieren, ohne klare, unhintergehbare Regeln zu ihrer Umsetzung zu definieren.

Ich sag's ganz offen: Es wäre mir eine Ehre und es erfüllte mich Stolz, wenn mein Name eines Tages auf dieser Liste erschiene, und ich finde, ich habe mir das auch wirklich verdient, mehrfach sogar. Aber dies muss zu klaren, transparenten Bedingungen geschehen.  





 (Pellizza da Volpedo: Il quarto strato, 1901)