Samstag, 12. März 2022

Selbsterklärte Beleidigung


Meine uneingeschränkte Solidarität und - soweit ich das überhaupt sagen darf - mein Mitgefühl mit der türkischen Journalistin Sedef Kabas, die nun in der Türkei wegen Präsidentenbeleidigung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten verurteilt wurde. 

Aber auch: Meine unendliche Häme und Freude über das abgrundtief strunzdumme Erdogan-Regime, das durch die Verurteilung erst so richtig endgültig bestätigt hat, die Aussage der Kabas voll und ganz zu verdienen. Gesagt hat sie nämlich:

"Wenn ein Ochse in einen Palast geht, wird er kein König, 
sondern der Palast wird zum Stall."

ohne Erdogan oder dessen Amt oder dessen Palast explizit zu nennen.

Wir sollten derartige Konstrukte in Sprachanalysen als "Potentiell autoreferentielle Injurie" diagnostizieren. Zur bewiesenermaßen berechtigten Beleidigung wird der Sprechakt erst dann, wenn die*der Adressat*in in vorhersehbarer Weise darauf reagiert. Hätte Erdogan den Spruch einfach bejaht, wäre dieser ins Leere gelaufen. Ein unglaublich intelligentes rhetorisches Mittel.

So ein bisschen funktioniert auch mein Aufkleber "Alle Rassisten sind Arschlöcher" nach diesem Schema. Wer sich drüber aufregt, verdient es sich in genau diesem Moment, gemeint zu sein.


(sehr stark verändert via diepartei.de)






Samstag, 5. März 2022

Schwieriges Thema

Jetzt kommt ein schwieriges Thema. Da hole ich lieber etwas weiter aus. Also: Ich bin sehr für den Frieden und sehr gegen den Krieg. Seit Jahren gibt es nur zwei Aufkleber, die ich auf meinem Auto umherfahre: Neben dem "Alle-Rassisten-sind-Arschlöcher"-Aufkleber gibt es nur noch die Friedenstaube von Mika Launis, weiß auf blauem Grund. Seit über 40 Jahren hängt eine weitere Launis-Taube, weiß auf blauem Grund, als Plakat über meinem Schreibtisch. Ich bin echt für Frieden, ganz in echt!

Deshalb bin ich auch allzu bereit, Putin und seine Mitläufer auf's Äußerste und aus tiefstem Herzen zu verdammen und so weiter. Aber gleichzeitig fühle ich mich auch gerade sehr unwohl mit den verzweifelten Versuchen Selenskyjs, die NATO in den Schießkrieg mit Russland hineinzuziehen. Ich fühle mich unwohl damit, dass die USA mit der arroganten Grandezza des Hegemons-in-Chief mehr Gestaltungsmacht in Europa haben und rücksichtslos ausnutzen, als die Europäischen Staaten zusammen und dass die USA mehr darüber bestimmen, ob Deutschland in einen aktiven Krieg mit Russland eintritt als die gewählte deutsche Regierung. Ich fühle mich unwohl mit der platten westlichen Propaganda, die sich in der Produktion dümmstmöglicher Feindbild-Narrative nur noch wenig von der traditionell primitiven Propaganda des Ostens unterscheidet. Ich fühle mich unwohl damit, dass ein Diskurs, der die Verlogenheit des Westens der letzten 30 Jahre in puncto Osterweiterung der NATO  berücksichtigt, derzeit nicht möglich ist. 

Und ich fühle mich ganz besonders unwohl damit, dass die Gefahr besteht, dass Arschgesichter, wie Schröder, die AfD und weiß der Geier, wer noch, diesen, meinen Text kontextbefreit missbrauchen könnten.     

Ich finde es völlig albern, dass hier jetzt besorgt gefragt wird, wie Kinder mit den grauenhaften Kriegsbildern umgehen, dass aber niemand fragt, warum unsere Medien glauben, die angenommene Geilheit des verrohten Publikums nach brutalstmöglichen Kriegsbildern bedienen zu müssen. Ich habe keine Lust, als Lehrer aufgefordert zu sein, die Traumata zu bearbeiten, die unseren Kindern medial, aus Profit-Interesse der Konzerne zugefügt wurden. Ich hätte stattdessen große Lust, jenen Kindern zu helfen, die tatsächlich Krieg erlebt und erlitten haben.

Merke: Es rächt sich, wenn man immer wieder den Teufel an die Wand malt. Überlegt Euch jetzt schon mal, wie Ihr den Hass auf die Russen, auf alles Östliche, jemals wieder einfangen wollt. 

Oder ist das gar nicht Teil des langfristigen Plans?




  (via wiki commons)







Dienstag, 1. März 2022

Ausflug ins pralle Leben, nix Corona, nix Krieg

 

01. März - für vernunftbegabte Wesen ist dieser Tag der Frühlingsanfang. Man nennt ihn auch den meteorologischen Frühlingsanfang, und hin und wieder gibt man zu, dass der phänologische Frühlingsanfang ein wenig abweicht, aber keinesfalls ist der religiös motivierte und astronomisch begründete Frühlingsanfang am 21.03. für unsere Breiten geeignet. 

Egal. Heute eröffnete ich die Fliegesaison ¹ und es ging zum ersten Mal mit dem neuen Motor auf Tour. ² Es war argkalt, die Sicht nicht so dolle, dafür waren Wind und Thermik nur sehr schwach. Optimale Testbedingungen. 



 Wie immer Anfang März: Alles sieht graubraun aus.



Doch merke: Wenn der Pilotiseur lässig seinen Unterarm auf die Basis lümmelt,
statt sie beherzt zu umgreifen, heißt das, alles ist tippitoppi,
der Motor schnurrt, die Luft ist ruhig wie selten.
Eigentlich Zeit für Kaffee und Kuchen, aber der Bordservice in Einsitzern ist oft grottenschlecht.



Dafür hat man dann aber Zeit für Saisonstart-Selfies ...



... und dann fangen einen ja auch die interessanten, malerischen, malenswerten Motive ein, 
wie z.B. diese beiden Metallkähne vor dem Schöpfwerk. 
Eine Tragflächenspitze ragt ins Bild, weil ich zunächst fast dran vorbeigeflogen wäre
 und zügig eindrehen musste. Das automobile Analogon wäre eine Vollbremsung.  





¹ Ein kurzer Probehüpfer Anfang Januar d.J. zählt nicht.

² Weichlappen hätten den ersten Dauertest vielleicht am Boden gemacht, hätten vielleicht auch gewartet, bis Drehzahl, Öldruck und Temperaturen gemessen und angezeigt würden, aber ganz, ganz unten im Entwicklungs-Stammbaum dieses Motors steht ein Rasenmäher-Motor. Und da fragt auch niemand nach Drehzahl, Öldruck und Temperatur. Außerdem ist mein Motor eine Spezialanfertigung von Volksschrauber, der schiebt meinen Vogel mit marginaler Teilleistung durch die Luft - was sollte also schiefgehen?


Diesen Artikel widme ich Nadine W. aus W. bzw. W. Wenn sie die heutige Sitzung nicht allein gewuppt hätte, hätte ich meinen Allerwertesten nicht in die Luft gekriegt. Danke, liebe Nadine! 



Samstag, 26. Februar 2022

Heißer Scheiß der Kriegspropaganda

 

Mich beeindruckt am Ukraine-Krieg, wie sehr radikal die Bild-Propaganda sich weiterentwickelt hat. Da merkt man doch deutlich, dass die Leute heute mit primitiver Kriegshetze aus dem letzten Jahrhundert nicht mehr zu packen sind.


(stark verändert via tagesschau.de)
On ne passe pas! 
Kiew wurde gegen den feindlichen Ansturm verteidigt!


(verändert via wiki commons)
On ne passe pas! 
Irgendein Ort in Serbien wurde gegen den feindlichen Ansturm verteidigt!


(verändert via wiki commons)
On ne passe pas! 
Irgendein Ort in Frankreich wurde gegen den feindlichen Ansturm verteidigt!








Freitag, 25. Februar 2022

Oberarsch-Putin-Versteher


Erste Quizfrage: Warum wurden Burgen und Festungen nie im Wald gebaut - und falls doch: Warum wurden dann nachträglich alle Bäume drumherum gerodet? ¹ 

Antwort: Du willst den Gegner nicht erst dann bemerken und bekämpfen, wenn er anfängt, Deine Burgmauer mit dem Meißel oder sonstwas zu bearbeiten. Am liebsten würdest ihn schon in reichlicher Distanz entdecken, damit Du noch allerhand unschöne Dinge auf ihn schleudern kannst, bevor er sich zu Angriff und / oder Belagerung häuslich niederlässt. 

Zweite Quizfrage: Wieso gibt es eine Dreimeilenzone an jeder Küste? 

Antwort: Die drei Meilen vor jeder Küste wurden einst der Souveränität des jeweiligen Küstenstaates unterstellt, weil das etwa der damaligen wirksamen Reichweite der Kanonen entsprach. Schiffe, die außerhalb dieser Zone fuhren, konnten diesem Staat also kein Leid antun, und wer näher kam, durfte vom jeweiligen Staat prophylaktisch beballert werden, lange bevor eventuell invasiv gestimmte Truppen den Strand erreichten. 

Dritte Quizfrage: Welchen Vorteil versprachen sich die West-Alliierten von der zügigen Wiederbewaffnung Westdeutschlands? 

Antwort: Sie wollten vor allem einen militärischen Puffer für die befürchtete sowjetische Panzerwalze haben. Wenn es knallen sollte, dann sollte es bitte hier knallen, und nicht in Frankreich, England, Italien, und erst recht nicht in den U.S. of A. Nur konsequent, dass die französischen Atomraketen damals nur eine Reichweite bis in die BRD hatten, das reichte, um die Russen aufzuhalten, bevor sie den heiligen Boden Frankreichs betraten. Und die dienstbeflissenen Doitschen freuten sich zu Tode, dass sie strategisch wichtige Autobahnbrücken und Straßenkreuze mit unterirdischen Vorrichtungen für amerikanische Atom-Minen ausstatten durften, damit sie gegebenenfalls auf amerikanischen Befehl hin ihr eigenes Land in die Luft jagen konnten, und die Amis fanden das ganz großartig und haben uns getätschelt und gesagt, dass sie zur Verteidigung Europas auch den letzten Deutschen opfern würden, und dann haben sich alle gefreut...

Vierte, alles-entscheidende Quizfrage: Was haben die drei o.g. Sachverhalte gemeinsam?

Antwort: Die Idee des Glacis. Du willst keinen ständigen Hautkontakt mit einem potentiellen Gegner. Du willst einen Leer-Raum zwischen ihm und Dir. Du willst freies Schussfeld, falls er Dich angreift. Er soll sich sichtbar bewegen müssen, bevor er Dir Leids tun kann. Du willst Zeit haben, die Situation zu analysieren, um Deine Gegenmaßnahmen abzustimmen. Und Du willst maximale Vorwarnzeiten, um Deine Bevölkerung zu schützen. Was Du NICHT willst, ist ein potentieller Gegner, der nur einen einzigen Mini-Schritt tun muss, um den nächsten Krieg vom Zaun zu brechen, und zwar in Deinem Land! 

Sun-Tzu hat schon vor 2.500 Jahren darauf hingewiesen, Clausewitz vor knapp 200 Jahren: Es ist eine saublöde Idee, Krieg im eigenen Land zu führen. Maximal dümmstmögliche Strategie! Unbedingt vermeiden!!!

Nachdem das geklärt ist: 

  1. Kann mir bitte jemand eine Karte Mitteleuropas reichen? 
  2. Kann mir bitte jemand nochmal erklären, was den Sowjets anläßlich der deutschen Wiedervereinigung in puncto NATO-Osterweiterung versprochen wurde? 
  3. Hat jemand immer noch nicht verstanden, warum die Russen bei jedem einzelnen Bruch dieses Versprechens immer besorgter wurden, je näher die NATO an ihre Grenzen rückte? 
  4. Gibt es jemanden, die*der nicht einen Hauch von klitzebisschenwinzigem Verständnis für Putin, der ansonsten zweifellos ein totaler, taktierender Oberarsch ist, aufbringt? 


(verändert via wiki commons)
Das Wiener Glacis 1773





¹ Lasst Euch nicht von heutigen Touri-Burgruinen täuschen: Die Wälder sind erst nachträglich drumherum gewachsen.







Fortsetzung mit anderen Mitteln


Die russische Invasion in der Ukraine ist nur die Fortsetzung der Korrosion aller Benimmregeln weltweiter Politik. Putin hat mit dem Überfall nichts Neues erfunden, er ist nur konsequent einen Schritt weiter gegangen auf dem Weg, den Erdogan, Lukaschenko, Orban, Duterte, Netanjahu, Trump, dieser komische polnische Zwerg und viele andere vorgezeichnet haben. Wenn besinnungsloser nationalistischer Egoismus alleiniger Maßstab ist, dann passieren solche Dinge, und da ist der westliche Egoismus, der sich nur eine Nuance geschickter zu tarnen weiß, absolut mitgemeint. 

Die Bundeswehr schmeißt blank, ehrlich gesagt nicht unerwartet und eigentlich auch nicht unerwünscht. Sollen wir jene Völker, die so verblödet und so voller Minderwertigkeitskomplexe sind, dass sie sich hinter der dicken Hose ihrer Potentaten wohler fühlen, mit Waffengewalt zur Vernunft bringen? Pas d' chance!

Untersuchen wir lieber mit eisekalter Vernunft, was jetzt passiert: Als erstes wird unseren Macht-Habenden, den Konzernen, bewusst, wie verzahnt die Wirtschaften und die internationalen Seilschaften des Profits sind. Das global hohltönende Gegröhle nach Sanktionen muss man fein-säuberlich sezieren. Welche Warenströme fließen völlig unberührt und unhinterfragt weiter, übrigens auch in God's own country? Weder die russischen Rohstofflieferungen noch die westlichen Auto- und Maschinenbauverträge stehen zur Disposition. Wenn NordStream2 den Polen Geld einbrächte, wäre die Leitung nächste Woche, naja: übernächste, vollausgelastet, Ukraine hin oder her. 

Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf den Profit und erkennt, dass die Ukraine eigentlich nur die Militärs interessiert, und dass Ihr dafür Eure nationalen Egoismen und Gewinninteressen nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! ¹

Ich prophezeie: Es wird in den nächsten Wochen noch zahlreiche Opfer geben und vielleicht ein wenig aus der Distanz geheucheltes, taktisches Mitgefühl, und dann wird Gras über die  Sache wachsen. Es wird Kriegsgewinnler geben. Alle Intentionen aller politisch und militärisch Handelnden werden enttäuscht. Der Profit wird ungestört weiterlaufen. 



(verändert via wiki commons)

Och, Reuter, Du arme Wurst. Wenn Du wüsstest ...

 


¹ Im Original: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist." (Ernst Reuter, 09.09.1948)





Donnerstag, 24. Februar 2022

Das Internet erzählt vom Krieg.


Als ich heute Morgen in meinen bevorzugten Nachrichten-Portalen las, Russland habe militärische Ziele in der Ukraine bombardiert, hielt ich das für möglicherweise gelogen, hegte den Verdacht, die ukrainische Regierung oder die Amis wollten einen casus belli schaffen.

Da war es ganz gut, dass ich auf dem peinlich-primitiven Propaganda-Portal RT deutsch "gegenlesen" konnte, dass auch die russischen Staatsmedien die Angriffe bestätigen. 

Es ist nicht alles schlecht am Internet: Zwar lügen ausnahmslos Alle und Du darfst niemandem trauen, aber Du kannst die Propaganda-Lügen der einen Seite mit denen der anderen Seite in Null-Zeit abgleichen. Das gab's früher nicht!




(via wiki commons)


  





Freitag, 18. Februar 2022

Nix Glaubensfrage. Verdachtsfall!


Ich lese gerade erstmals Richard Dawkins' "Gotteswahn", eine außerordentlich konsequente Abrechnung mit den intellektuellen Verbrechen, die die abrahamitischen Religionen nicht nur ihren Gläubigen, sondern allen Menschen antun. Ich lerne, dass mein gepflegter Agnostizismus, d.h. die schulterzuckende Annahme, die Nicht/Existenz Gottes lasse sich naturwissenschaftlich nicht beweisen/widerlegen, folglich solle man die Religionen doch machen lassen, was sie wollten, nicht durchzuhalten ist. 

Es ist, da hat Dawkins recht, falsch und gefährlich, eine dumme und gemeingefährliche Idee zu akzeptieren, nur, weil sie sich der Beweisbarkeit entzieht. Und er hat weiterhin recht, zu fragen, warum wir uns das ausgerechnet bei Religionen - und NUR da - gefallen lassen. 

Solchermaßen atheistisch eingestimmt stoße ich auf einen "Guardian"-Artikel, der berichtet, tausende arizonaischer Taufen seien nachträglich für ungültig erklärt worden, da der Priester statt der Floskel "Ich taufe Dich ..." konsequent "Wir taufen Dich ..." gesagt habe. Nicht nur seien die Taufen dadurch ungültig, sondern auch alle anderen Pflichtrituale, die bei diesem Glaubensanbieter den vorherigen Erwerb der Taufe voraussetzten. 

Wie großartig! Ich stelle mir vor, wie die Gläubigen nach ihrem Tod wegen eines banalen, geringfügigen Formfehlers bei der Taufe am Himmelstor zurückgeschickt werden und allesamt in der Hölle landen. Was für eine Zumutung! Was für eine zum Fremdschämen peinliche intellektuelle Zumutung!



(Stark verändert von einer fundamentalistisch-christlichen Seite, 
deren Adresse ich hier nicht angebe, weil sie voller Bibelzitate ist 
und also verfassungsfeindliche Ziele verfolgt.) 






Montag, 14. Februar 2022

Ein Ausweg aus leidiger Diskussion


Lese gerade Florian Aigner "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl", eine Einführung in und ein Plädoyer für das wissenschaftliche Denken ¹, unbedingt empfehlenswerte Lektüre und herzerfrischend wie ein kühler, klarer Frühlingshauch in der uns umgebenden muffigen Ödnis aus Fake News, Querdenke und Fakten-Leugnung.  

Besonders gelungen finde ich Aigners Gedanken, man solle Leute, die uns mit irgendwelchen kruden Erklärungstheorien nerven, fragen, welche Bedingungen erfüllt sein müssten, damit sie ihre Theorie als widerlegt ansähen. Das Ganze folgt natürlich B. Russels Definition, eine naturwissenschaftliche Aussage zeichne sich durch ihre prinzipielle Falsifizierbarkeit aus.    

Ich liebe die Vorstellung, einem Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker oder sonstwie tiefstgläubigen Polit- oder Religions-Fundamentalisten genau diese Frage zu stellen: "Was müsste gegeben sein, dass Du Deine Theorie als widerlegt anerkenntest?" Oder vielleicht: "Gibt es eine Bedingung, unter der Du Deine Theorie als widerlegt anerkenntest?" Und wenn die Antwort auf eine inhaltliche Nullnummer hinausläuft, kannst Du - Hosianna! -  das Thema beenden.  



(stark verändert via "alles münster")



¹ Noch ein klitzebisschen besser hat mir Gabriels "Warum es die Welt nicht gibt" (2013) gefallen. Das war nicht ganz so mathe-fetischistisch wie Aigner, philosophisch intelligenter.






Samstag, 12. Februar 2022

Opa erzählt vom Krieg.



(via wikipedia)

"Tja, Froinde, ich erinnere mich, als wär's gestern, damals, 81/82, als ich gedient habe - Wehrdienst W15, wie es sich gehört! Da war noch richtig Krieg! Ost gegen West! Freiheit statt Sozialismus! Kommunismus oder Kapitalismus! Da ging's um's Ganze, Herrschaften! Zum richtigen Schießkrieg ist es dann zwar nicht gekommen, ist klar, sonst wär'n wir alle nicht mehr hier. Aber es war auch nicht nur so ein mickriger angeschwulter Polizei-Einsatz mit Brunnenbau und Eiapopeia. Unter 'nem richtigen Weltkrieg hätten wir's gar nicht gemacht, damals! Aba mit allem Komfort: Panzer, Raketen, Atomwaffen, rund um den Globus. Zentrum wär' natürlich hier gewesen, is' klar, der Iwan wollte ja unsere Industriegebiete im Ruhrpott haben und dann gleich weiter: Durchstoß an den Atlantik ..."

Aus: SG800; Erinnerungen aus glorreicher Zeit, unveröffentlicht; Seite 1/1


"Ja, nach dem Abi musste ich zum Bund. Um zu verweigern und Ersatzdienst zu leisten, war ich zu dumm, zu faul, zu feige und zu unentschlossen, in dieser Reihenfolge. Aber mich trieb auch ein bisschen die Neugierde. Die wesentlichen Eindrücke? Ich war entsetzt, wie wenig Solidarität unter den Soldaten herrschte, wie ätzend, dumm und unkameradschaftlich alles war. Ich kam klar, habe aber lernen müssen, dass meine Vorstellungen da viel zu idealistisch gewesen waren. Und zweitens: Es gab noch keine Auslandseinsätze damals, die ganze Armee war konzeptuell ausschließlich auf den Dritten Weltkrieg ausgerichtet - von dem gleichzeitig kaum noch jemand ernsthaft glaubte, dass er käme. Die Folge war ein unappetitliches Gemisch von 'Wir ferkeln hier mit echt mächtigem Kriegsgerät herum' und einer unfassbaren Beamtenmentalität mit dem typischen dümmlich-satten, dümmlich-verantwortungsfreien, dümmlich-übersteigerten Selbstbewusstsein einer Institution des Öffentlichen Dienstes, deren eigentliche Aufgabe längst obsolet ist. Durch den wirklichen, bedrohlichen Ernst der  Auslandseinsätze hat sich die Bundeswehr, soweit ich das überhaupt beurteilen kann, im Innern sehr zu ihrem Besten verändert."

Aus: SG; Erinnerungen an die absoluten Shit-shows meines Lebens, unveröffentlicht; Seite 12/348



"Sehr beeindruckend fand ich während meiner Wehrdienstzeit - ich diente auf dem Flugplatz eines Jagdbomber-Geschwaders - wenn die Amis mit ihren brutal-hässlichen A-10 aus England rüberkamen, um bei uns zwischenzulanden und das Auftanken und Aufmunitionieren zu üben. Unsere eigenen, bundesdoitschen Flugzeuge und Übungen hat, wie gesagt, niemand so richtig ernst genommen, aber wenn die Amis kamen, dann fühlte man 'Boah, jetzt ist ja echt Krieg...!' Das muss wohl an den heldisch verkrampften Kieferknochen der Piloten gelegen haben oder an ihrem ernsten, gefassten Habitus, den sie zur Schau stellten, da sie mit ihren teuren Kisten ja nun nicht mehr im vergleichsweise sicheren Great Britain herumgurkten, sondern nicht weit ab vom Schuss, 160 km, nur ein paar Flugminuten bis zur Zonengrenze, zum Eisernen Vorhang ...  

Ein paar Jahre später hat mich in Spanien eine amerikanische Militärangehörige mitfühlend und bewundernd (vielleicht bilde ich mir Letzteres auch nur gerne ein) gefragt, wie wir Dschörmins das nur aushielten, all' die Jahre diesen Stress durch die permanente mörderische Bedrohung aus dem Osten so in nächster Nähe. Ich weiß nicht mehr genau, was ich antwortete, aber es war so selten dämlich, dass ich mich hinterher dafür hätte ohrfeigen können, etwas wie "Wellll, yes ... äh ... no ... 'chGott, es geht so, y'know ... it's ok ..." Entweder hielt sie mich anschließend für einen totalen Vollpfosten oder einen Helden oder beides. Im Ausland ist man ja immer Repräsentant seines Landes.

Richtig ist: Zu jener Zeit gab es parallel die medial gehypte Dauerbedrohung durch die 'russische Panzerwalze' und den Dritten Weltkrieg und gleichzeitig eine tiefstentspannte, fast schon narkotische Spießbürgerruhe und friedliche, bürgerlich-kapitalistische Selbstzufriedenheit. Was sollte 'der Russe' mit dem Ruhrpott anfangen? Bis er dort angekommen wäre, wäre doch ohnehin alles zu Klump gebombt. Schwachsinn, aber noch beunruhigender finde ich im Nachhinein, wie wir diese an sich paradoxe Parallelität ausgehalten haben: Es hat uns der individuelle innere Widerspruch überhaupt nicht gejuckt, niemand klagte über russophobe Stress-Symptome, über Traumata und Trallala. 

Heute sage ich: Unterbewusst war uns völlig klar, dass die Kriegsangst unbegründet war, dass sie beiderseits aus machtpolitischem Kalkül geschürt wurde, weil sich beiderseits die obersten Machthaber die gesellschaftlichen Kohäsionskräfte des Bedrohungszenarios zunutze machten, um uns willfährig zu machen."

Aus: SG; Erinnerungen an die absoluten Shit-shows meines Lebens, unveröffentlicht; Seite 23/348

Warum mich plötzlich die memorative Inkontinenz überfällt? Schaut mal genau hin, was gerade in der Ukraine passiert.   
 


(verändert via wiki commons)

Hübsch hässlich oder? Damals wurde uns allerdings auch gesagt, dass Kampfflugzeuge wie dieses im Dritten Weltkrieg eine statistische Überlebensdauer von 8 Minuten gehabt hätten. Als Flugabwehr- und Bodenfuzzi auf einem Einsatz-Flugplatz hatte ich immerhin 20 Minuten. Nimm' dies, Ami!