Donnerstag, 27. Juli 2017

Langsamdenke.


Mir gebricht es an der Fähigkeit, schnell zu denken. Wenn ich etwas richtig verstehen will, muss ich es in ganz kleine Häppchen zerlegen.

Beispiel: Ein kleiner Online-Artikel von heute(.de):
" (...) Sprudelnde Werbeeinnahmen haben Facebook im zweiten Quartal einen überraschend deutlichen Gewinnsprung beschert. Dies war dank mehr als zwei Milliarden Nutzern möglich. Verglichen mit dem Vorjahreswert legte der Überschuss um 71 Prozent auf 3,9 Milliarden Dollar (3,3 Milliarden Euro) zu, wie der Internetkonzern von Mark Zuckerberg am Mittwoch (Ortszeit) nach US-Börsenschluss mitteilte. Der Umsatz kletterte um 45 Prozent auf 9,3 Milliarden Dollar. Die Werbeerlöse, Facebooks Haupteinnahmequelle, stiegen um 47 Prozent auf 9,1 Milliarden Dollar. (...)"

Das zweite Quartal geht von April bis Juni. In dieser Zeit haben Leute 9,3 Milliarden Dollar an Facebook gezahlt. Wer eigentlich? Aha, die Werbefirmen, denn für die privaten Nutzer ist es ja kostenlos. 3,9 Milliarden Dollar sind Überschuss, das bedeutet, dass Facebook in diesem Vierteljahr selbst Ausgaben von 5,4 Milliarden Dollar hatte und den Rest als Gewinn einstreichen kann.

Das ist etwa so, als wenn ich beispielsweise eine Hose für 58 Euro herstellen und für 100 Euro verkaufen könnte. Nur, dass bei Hosenherstellern irgendwann ein Konkurrent auf die Idee kommen könnte, seine Hosen für nur noch 95 Euro zu verkaufen. Oder für 85 ... oder ... Aber Facebook hat anscheinend keine Konkurrenten. Egal, was Facebook datenschutzwidrig macht, egal, was es kostet, frau/man bleibt dabei, mit dem herzerfrischendsten aller Argumente, weil das nämlich (gefühlt) alle so machen.

Und warum zahlen Werbefirmen in einem Vierteljahr 9,3 Milliarden Euro an Facebook? Klar, für die Werbung. Das bedeutet, dass diese Firmen immer noch einen zusätzlichen Profit daraus schlagen, auf Facebook zu werben. Das ist aber nur der Fall, wenn die Leute, die Facebook benutzen, auch tatsächlich regelmäßig auf die Werbung hereinfallen, sprich: Produkte kaufen, die sie ohne diese Werbung nicht gekauft hätten. Es wird also mithilfe der Facebook-Werbung so viel verkauft, dass die Werbenden ihre Kosten für Herstellung, Transport etc. plus die Tantieme an Facebook plus einen zusätzlichen Profit, sonst würden sie's ja nicht machen, einfahren.

Ich bin völlig außerstande, auch nur grob zu schätzen, von was für Dimensionen wir hier reden oder denken müssen, aber Attribute wie "atemberaubend" oder "irrsinnig viel" liegen nahe.

Und das irritiert mich auch wieder, denn meine persönliche Praxis ist, dass ich diese Werbung hasse und dass ich Firmen, die sich so impertinent auf meinen Monitor, in mein Privatleben, drängeln, zutiefst verachte, mir ihre Identitäten merke, um sie fürderhin auf immerdar mit quasi-religiöser Inbrunst, mit biblischem, mit abrahamitischem Hass zu verfluchen und, was für sie wohl am schlimmsten ist, ganz gezielt auf ewig zu boykottieren.

Ganz offensichtlich bin ich damit aber ein totaler Außenseiter. Ganz offensichtlich gibt es weltweit eine Menge Leute, die, während sie gerade chatten, dann doch mal eben die aufpoppende Werbung lesen (Wie bescheuert muss man sein?), dann draufklicken (Wie bescheuert muss man sein???) und dann en passant den revolutionären Gartengrill, die Penisverlängerung oder den echt-vergoldeten Diamantring, made in Hongkong, käuflich erwerben. (Wie bescheuert muss man sein???!!!)

Würde es diese Leute nicht geben, würden sie nicht auf die Werbung klicken, würden sie nicht auf diese Weise kaufen, dann würde es diesen ganzen Quatsch nicht geben. [*1]

Und das ist der Punkt, an dem ich regelmäßig aufhöre, den mächtigen machthabenden -> Arschlöchern dieser Welt böse zu sein und nur noch sauer bin auf die -> Idioten, die aus purer, unverzeihlicher Blödheit den -> Arschlöchern die Macht immer wieder neu in die Hand geben.



 (verändert via stupepedia.org)





[*1] Soziale Netze, andere als Facebook, würde es trotzdem geben, die gab's schon vorher und die gibt es immer noch.










Mittwoch, 26. Juli 2017

Selbstbeobachtung


Hoffe seit Tagen, in meinem Urlaub noch irgendwie Wetterbedingungen für diesen oder jenen Aus-Flug zu bekommen. Starre in Halbtagesrhythmen immer wieder auf die Meldungen des Wetterdienstes. Das mickernde Pflänzchen Hoffnung, heute Nachmittag könne was möglich sein, zerbröselt seit gestern peu à peu, und nun ist das Niveau erreicht, auf dem die Vernunft längst weiß, dass es auch heute definitv nicht mehr klappen kann, aber ein Gemisch aus Trotz, Irrationalität und Verhaltensmustern lässt mich weiterhin jede Aktualisierung beim DWD gebannt, ja, begierig betrachten ...

Um das ganz klar zu sagen: Ja, das sind Erst-Welt-Probleme. Leute, deren Keller oder Wohnungen gerade unter Wasser stehen, haben mehr Grund zur Klage. Und Menschen, die von Tod, Hunger, Verfolgung bedroht sind ... naja, vor denen müsste ich mich eigentlich schämen, mein Problem überhaupt als Problem zu beschreiben.

Der noch sachlich funktionierende Teil meines Geistes stellt also fest:
  • Mir geht's gut, sogar sehr gut! Es ist ein unfassbares Privileg, zu den ganz wenigen Menschen dieses Planeten zu gehören, deren größtes aktuelles Problem das Wetter für einen privaten Lustflug ist. 
  • Wenn man sich tagelang mit einem eigentlich nebensächlichen Problem herumschlägt, dann gewinnt dieses Problem eine ihm nicht zustehende Bedeutung.
Im Rückblick (!) wird mir außerdem bewusst, dass ich zwischendurch immer mal wieder in einen virtuellen Diskurs mit dem "Problem" eingetreten bin, erkennbar an gedanklichen Konstruktionen wie "Mach schon!" oder "Das ist nicht fair!" oder "Nein, keine 18 Knoten [Windgeschwindigkeit]! 8, Ihr Blödmänner, macht 8 Knoten, dann flieg' ich!" oder "Bald ist mein Urlaub vorbei, dann komme ich fliegerisch zu garnix mehr." etc.

Weniger kontrollierte Areale meines Denkens unterstellen also:
  1. Das Wetter unterliegt demokratischer Willensbildung. 
  2. Es orientiert sich an menschlicher Ethik. 
  3. Es ist fähig zum rationalen Diskurs und leitet aus neugewonnener Information Verhaltensänderungen ab. 
  4. Verantwortlich für das Wetter ist der Deutsche Wetterdienst.
Soviel zum Thema "Vernunft" ...

Heute Nachmittag könnte herrliches Wetter zum Rasenmähen sein. Prima, dass ich vielleicht auch die Gelegenheit finde, im Haus klarschiff zu machen. Das Leben ist schön!








  (verändert via youmovies.it)
Wie wär's, wenn ich einfach aufhörte, mir selbst die Ohren vollzugreinen?








Samstag, 22. Juli 2017

Unzeitgemäße Bedenkenträgerhaftigkeit


"Türkei-Urlauber lassen sich nicht abschrecken" titelt der NDR. Mich befremdet das. Wie schlimm muss es in einer potentiellen Destination zugehen, damit der doitsche Tourist aus ethischen Motiven Abstand nimmt? Oder gibt es gar keine ethische Grenze mehr? Würde, wenn's in Nordkorea isolierte Ressorts mit hohem westlichen Service-Standard und garantiert NULL Kontakt mit der hässlichen Realität gäbe, der ungehemmte Touristen-Strom einsetzen, vorausgesetzt, der Preis stimmte? Ja, nicht wahr?

Wie kann ich behaupten, auf dem Boden der FDGO zu stehen, mich Demokrat nennen und Menschenrechte befürworten und gleichzeitig Urlaub in der Türkei buchen?

Wir sind ekelerregend geschmeidig geworden, wenn es darum geht, unser alltägliches, individuelles Verhalten von unseren ethischen Überzeugungen zu emanzipieren. 

Was sind ethische Überzeugungen, die keine Auswirkung auf die tägliche individuelle Praxis haben? Selbstbetrug? Lügen? Schleimige Kotaus vor dem Zeitgeist?



 (verändert via posters.co.nz)









Sehr frei nach Eichendorff



Renaturierendes Moor (?) gestern irgendwo zwischen Vehnemoor und Friesoythe, 500ft


Hier hat fürwahr der Himmel
Die Erde still geküßt ...

bla blabla bla ...

Und meine Seele spannt
Weit ihre Flügel aus ...

bla blabla bla ...

















Freitag, 14. Juli 2017

Oscar did it!



13.07.2017



Mittwoch, 12. Juli 2017

Unüberraschend


Überraschen darf es nicht: Die Trump-Camarilla hält es für ein ethisch völlig korrektes Verhalten, Material zur Schädigung der damaligen Wahlkampfgegnerin aus allen überhaupt denkbaren Quellen, auch von gegnerischen Geheimdiensten, auch wenn illegal erworben, zu beziehen.

Spannend ist eigentlich nur noch die Frage: Wie weit werden wir uns in den noch-demokratischen Staaten in Zukunft an die sich dramatisch verschlimmernden ethischen Maßstäbe gewöhnen? Wird es einen Punkt geben, an dem eine hinreichende Zahl von Menschen der unverfroren ausgelebten Machtgeilheit ein Ende setzt?

Oder wird es so werden, wie längst im Falle der Konzerne, dass kein Mensch mehr hinterfragt, dass außer hirnloser Profitgier kein anderes Kriterium mehr etwas gilt?

Vielleicht sind die Trumps, Erdogans, Dutertes und Putins sowieso nur logische Konsequenz der totalen Enthemmung der Nestlés, Blackstones, Bank of China und Gazproms?



(verändert via http://www.triplepundit.com)






Montag, 10. Juli 2017

Populistische Möwe


Jestern als Mitflieger in einer Piper Twin Commanche vom Inselhopping-Wochenende zurückgekommen. Bei der Landung auf dem Heimatplatz hockt eine Schar von acht bis zehn Möwen auf der Graspiste. Alle Möwen nehmen, wie langjährig gewohnt, vor dem nicht eben kleinen Flugzeug rechtzeitig reißaus, bis auf eine, die bis NACH dem letzten Moment wartet, bevor sie einen panischen und von vorneherein zum Scheitern verurteilten Ausweichversuch unternimmt. Ein metallenes Propellerblatt trennt gnädig, schnell und nachhaltig die ewige Seele vom vergänglichen Leib.

Solche Dinge passieren. Igel, Kaninchen, Frösche und was da sonst noch in die Quere kreucht, liefern - unter höchstmöglichem, unter finalem Einsatz - mannigfaches Beispiel.

Trotzdem bleibt die Frage, warum diese eine Möwe so blöd war, so lange sitzen zu bleiben. (Was) hat sie dabei gedacht?

Folgende Varianten sind möglich [*1]:

  • "Bisher ist es auch immer gut gegangen. Warum sollte es diesmal anders sein? ... Oh!" 
  • "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass speziell dieses Flugzeug uns Möwen ausgerechnet jetzt gefährlich werden könnte ... Oh!"
  • "Falls es wissenschaftliche Beweise dafür gibt, dass dieses Flugzeug uns gefährlich werden könnte, sind das Lügenpressen - / Fake News ... Oh!"
  • "Die Fakten sind die eine Sache, aber viel wichtiger ist, was die Mehrheit denkt, und ICH denke ... Oh!" 
  • "Lexxmiamoaschallemiteinand'. Mia san mia. I bloab hier! ... Oh!"
  • "Wir sollten angesichts einer eventuell drohenden Gefahr nicht in blinden Aktionismus verfallen. Das schadet der Wirtschaft und die Finanzmärkte könnten nervös reagieren ... Oh!"
  • "Wir brauchen zunächst eine mehrheitsfähige Beschlussvorlage, das setzt eine gründliche Diskussion in den politischen Gremien voraus ... Oh!"
  • "Mein Glaube an Gott/Allah/Jahwe/etc. ist stark und wird mich schützen ... Oh!"
  • "Falls dieses Flugzeug mich plattmacht, war es Gottes/Allahs/Jahwes/etc. Wille, und für mein Opfer werde ich hinterher mit ungeahnten, mit paradiesischen sexuellen Erfahrungen belohnt werden ... Ah!"


Die letztgenannte Variante scheint die nachvollziehbarste zu sein. Allerdings nur, wenn man akzeptiert, dass der Gott, den man verehrt, Spaß daran hat, seine Gläubigen zerschnetzelt zu sehen.


(Neulich auf Langeoog: Vorne links das Schwert Gottes)



[*1] Übersetzungshilfe aus der Sprache der Sibermöwe hier.





Donnerstag, 6. Juli 2017

C.D.F. update


Gestern wiederentdeckt: Eines der ganz seltenen Unterwasserbilder von Caspar David Friedrich (1774 - 1840). Typisch für den Maler ist die Arbeit mit Licht und Dunkel, deren Übergang mit zunehmender Ferne immer diffuser, immer weniger erfassbar wird. Uns fällt der Wikipedia-Text zu C.D.F. ein:
"Der Themen- und Motivkanon dieser Bilder vereinigt Landschaft und Religion vorzugsweise zu Allegorien von Einsamkeit, Tod, Jenseitsvorstellungen und Erlösungshoffnungen. Friedrichs von Melancholie geprägtes Welt- und Selbstverständnis wird als exemplarisch für das Künstlerbild in der Epoche der Romantik gesehen. Der Maler macht mit seinen Werken bei weitgehend unbekannten Bildkontexten sinnoffene Angebote, die den Betrachter mit seiner angesprochenen Gefühlswelt in den Deutungsprozess einbeziehen." [*1]





Es folgt eine sensationelle Aufnahme des Schaffensprozesses. Im oberen Bildteil sehen wir, dass der Künstler auf eine Imprematur aus einem Hauch von Preußischbau und Zitronengelb erstmal ein Quantum von Blau- und Grautönen gab und die Melange dann auf dem Untergrund weiter mischte und verteilte. Der untere Bildteil ist nur schemenhaft angelegt und wurde auch später kaum weiter ausgearbeitet. Die Horizontlinie ist in diesem Stadium noch scharf getrennt, erst später, vermutlich mit einem Schwämmchen, verwischt.

(05.07.2017, irgendwo westl. Syke, Höhe ca.250 m)

Tja, da muss wohl ein Wikipedia-Artikel in wesentlichen Teilen ergänzt werden ...




[*1] Kann mir bitte mal jemand den letzten Satz des Zitates erklären? Für mich klingt das nach: "Keine Ahnung, was das bedeuten soll, wahrscheinlich wusste der Typ das nicht mal selbst."





Montag, 19. Juni 2017

Panta rhei

"Alles fließt." Oder anders: "Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen." Hier der Beweis:

Hunte mündet in die Weser, 17:30, Blick nach Norden.



Hunte mündet in die Weser, 19:50, Blick nach Südsüdwest:

(Beide Bilder: 18.06.2017, Flug Hatten - Kührstedt/Bederkesa - Hatten)

Ich muss aufpassen, angesichts der Majestät der Bilder nicht die Worte zu verlieren.





Samstag, 17. Juni 2017

Was dann?


Vor einiger Zeit sprach ich mit einem nicht allzu intelligenten 16-jährigen über Lebensziele. Immerhin hat er eins, ein sehr konkretes sogar: Ein brandaktueller Ford Mustang mit über 400 PS ... und dann kamen da noch einige brüllmäßige Spezifikationen, die ich nicht genau verstand und die mich auch nicht wirklich interessierten.

Das ist für die Verhältnisse dieses jungen Mannes schon rein wirtschaftlich ein sehr anspruchsvolles Ziel. Über automobilophile Pubertäts-PS-Protzerei kann man die Nase rümpfen, man beachte aber bitte strafmildernd das soziokulturelle Umfeld, unsere Gesellschaft, unsere Medienlandschaft, die wir unseren Youngstern tagtäglich antun.

Und: Wieviele Leute seines Alters wissen auf die Frage nach ihren Zielen im Leben überhaupt nur rat- und ahnungslos die Schultern zu zucken? Da ist ein Ford Mustang zumindest besser als dieses ewige, unendliche, frustrierende Nichts.

Aber: Ich stelle mir den Fall vor, besagter Jüngling erreicht eines Tages durch allerlei erstaunliche Umstände und unwahrscheinlichste Zufälle dieses, sein Ziel. Was macht er dann? Klar, er wird anfänglich ein paar Monate lang mit dem Wagen durch die Gegend brettern, angeben, sich freuen usw. Und dann?

Ein Lebensziel ist per defintionem ein Ziel, das, wenn es erreicht ist, das Leben sinnhaft vollendet. Wenn Du ein Ziel erreichst und Dir danach ein anderes setzt, dann war das erstere kein Lebensziel, sondern ein Wunsch, ein Plan, ein Zwischenschritt, was auch immer.

Ich stelle fest: Keine Lebensziele zu haben, ist ganz und gar doof. Aber ein Lebensziel zu haben, das man mit Geld kaufen kann, ist genau so doof. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst, dass ich kaum in der Lage bin, meine Lebensziele sprachlich zu fassen, weil sie so schwammig sind. Aber mein Horror vor dem Moment, ein mathematisierbares Lebensziel jemals zu erreichen und sich dann fragen zu müssen, was nun, ist immens.









Nur ein umweltschädlicher Pimmel-Ersatz, kein Lebensziel.