Bildung I
Es ist vollkommen logisch, dass autoritäre Regime Bildung bekämpfen. Trump steht mit der Zerschlagung des US-Bildungsministeriums in jahrtausendealter Tradition politischer und / oder religiöser Fundamentalisten. Allgemeiner Vorteil: Doofe lassen sich williger regieren. Aktueller Vorteil: Doofe sind weniger kritisch und populistischen Aussagen und fake-news noch hilfloser ausgeliefert. Spezieller Vorteil: In den US of A gibt es bereits ein gut ausgebautes System sauteurer Privatschulen. Die Kinder der Reichen werden also nicht unter dem Niedergang der Bildung leiden. Damit wird der Sieg der wenigen Reichen über die zunehmende Masse der Armen noch totaler¹.
Wie gesagt: Das ist alles ziemlich logisch auf ein schlüssiges Grundkonzept zurückzuführen.
Bildung II
Ich bin jetzt seit zweieinhalb, drei Jahren aus dem operativen Geschäft des Lehrer-Seins raus. Und seit ein paar Wochen stelle ich eine wundersame Wandlung bei mir fest: Ich finde allmählich meinen Geschmack an doitscher Literatur wieder!
Das klingt etwas seltsam, wenn man bedenkt, dass ich 30 Jahre lang als gymnasialer Doitsch-Lehrer diesen Quatsch unterrichtet habe. Allerdings war ich da in einen letztlich doch ziemlich engen Kanon von Literatur eingebunden, und wenn ich mal etwas außerhalb des Main-Streams gelesen habe, dann immer mit der "didaktischen Schere" im Kopf. Eine freie, selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem Material, autonom und nur für mich, war mir kaum möglich.
Ist das schrecklich? Es ist pure Illusion, anzunehmen, Doitsch-Lehrerys hätten schwer Ahnung von Literatur und wären so verknallt in sie, dass sie ihre Faszination in den Kosmos hinausblähen müssten, wollten sie nicht platzen. Maurerys haben wahrscheinlich Vorlieben in Bezug auf die Steine, die sie vermauern. Aber niemand käme auf die Idee, ihnen zu unterstellen, sie seien so verliebt in Steine, dass sie die Welt damit zumauern müssten.
Man arbeitet damit. Nicht weniger, nicht mehr.
Egal, ich freue mich, jetzt mit der vielzitierten Sorglosigkeit und Neugier eines Hundewelpen in diese Welt einzubrechen, in der ich seit meiner eigenen Schulzeit immer nur mehr oder weniger gegängelt mich aufgehalten habe.
Eine Auswahl erster Erkenntnisse:
- Einige Sachen von Grass haben echt Längen. Das kennt man eigentlich nur von trivialen Autorys, die nach einem kommerziell erfolgreichen Werk immer nur noch mehr vom selben Stoff liefern. Wusste ich nicht, weil wir ja in der Schule immer nur ausgewählten, guten Sachen bringen.
- Matthias Claudius ist ein Idiot. Religiös-fundamentalistischer Aufklärungsgegner. Selbst von seinem Blockbuster "Der Mond ist aufgegangen" erträgt man bestenfalls die ersten ein, zwei Strophen, danach wird es, wie in seinem sonstigen Rest-Werk, grottenpeinlich. Vor allem - und da kommt mir natürlich mein literatur- und geistesgeschichtliches Fachwissen zu Hilfe - wenn man bedenkt, was andere Leute in der Zeit bereits rausgehauen haben.
- Hesses Siddharta nochmal zu lesen, ist eine gute Idee. Aber wie deformiert muss man sein, sich dazu die wissenschaftliche Ausgabe mit Kommentaren vorzunehmen? Wie abtörnend ist das denn?!
- (Fortsetzung folgt)
Was ich eigentlich sagen will: Ich war als Täter aktiv daran beteiligt, mehreren Generationen von Schülerys (und mir selbst) den Spaß an echter Literatur und Literaturgeschichte zu versauen. Das ist nicht wiedergutzumachen, aber ich rufe - zu spät, viel zu spät - zu einer grundlegenden Revision der Fachdidaktik auf. Solange es noch Bücher gibt. Oder wenigstens ästhetische Langtexte. Oder wenigstens, solange die Menschen überhaupt noch sinnentnehmend lesen können.
¹ Das Wort "total" zu steigern, ist sprachlogisch totaler Schwachsinn. Aber wenn Goebbels das darf, dann darf ich das auch. Was ich ausdrücken wollte: Es gibt den Topos der sozial Benachteiligten, die zwar keine materiellen oder finanziellen Werte akkumulieren können, aber stolz auf ihre gute Bildung sein dürfen. Eine aussterbende Spezies, wenn es nach Trump und Konsorten geht.
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