Dienstag, 20. Oktober 2026

Ultracrepidarianismus

 

Liebes Tagebuch!

Heute habe ich ein neues Wort gelernt: Ultracrepidarianismus.

Das lateinische ne sutor ultra crepidam („Der Schuster soll nicht über die Sandale hinaus“) wird dem griechischen Maler Appelles zugeschrieben. Ein Schuster kritisierte zurecht eine auf einem Gemälde dargestellte Sandale und begann anschließend, auch darüber hinausgehende Aspekte zu bemängeln, von denen er keine Ahnung hatte.

Der deutsche Spruch "Schuster, bleib bei Deinen Leisten!" stammt wohl daher, verfälscht aber den ursprünglichen Inhalt, klingt abfällig, arrogant und elitär, während, wie ich vermute, Appelles nur die Kompetenzbereiche von Maler und Schuster wertfrei abgrenzen wollte (und vielleicht auch ein wenig angepisst war, auf einen Fehler hingewiesen worden zu sein). 

Drei Dinge fallen mir dazu ein:

Erstens habe ich Verständnis für den Schuster. Ich stelle ihn mir als eine arme Wurst vor, wahrscheinlich eher unten in der gesellschaftlichen Hierarchie und folglich nicht gewohnt, nach seiner Meinung gefragt zu werden. Vielleicht hat Appelles sich sogar höflich für die Kritik an der Darstellung der besagten gemalten Sandale bedankt und vielleicht fühlte sich der Schuster dadurch berufen, hyper-engagiert weitere Kommentare zum Bild rauszuhauen, vielleicht in einem ganz naiven Verständnis von Hilfsbereitschaft. 

Zweitens denke ich über den Bedeutungsunterschied zwischen "Ultracrepidarianismus" und "Dunning-Kruger-Effekt" nach. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Wäre der Schuster ein Mensch, der sich permanent und prinzipiell für universell kompetent hielte und der strukturell unfähig wäre, sich einigermaßen realistisch selbst zu beurteilen, dann wäre er kein Ultracrepidarianer, sondern ein D.-K.-E.-Opfer.

Drittens bin ich überzeugt, dass dy mündigy Staatsbürgery im Sinne unseres Grundgesetzes idealerweise Ultracrepidariery sein muss: Die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung verlangt von Dir in allen Bereichen verantwortliche Entscheidungen. Du verfügst aber grundsätzlich in den allermeisten Bereichen nur über unzureichende Daten. Und unsere Fähigkeit, lexikalisches Wissen zu einem schlüssigen Gesamtbild zu verknüpfen, ist auch begrenzt.  

Kurz: Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir, wie der Schuster, in dem überwältigenden Gesamtbild einen Fehler wie bei der besagten Sandale präzise benennen können. Den Rest des Bildinhaltes müssen wir, so gut wie es uns eben möglich ist, beurteilen. Da ist's hilfreich, wenn man ein gutes Allgemeinwissen hat, was etwas völlig anderes ist als Universal-Wissen.

Auf keinen Fall dürfen wir uns von dem Maler vorschreiben lassen, ob wir sein Bild gut oder schlecht finden müssen. Denn der Maler, der steht für die Konzerne und die Politikys auf diesem, unserem Planeten. Und er ist unser Dienstleister und hat die Fresse zu halten und das Bild gefälligst so zu malen wie wir, das Volk, der höchste Souverän, es wünschen und befehlen.

Klar soweit?!




Ohne weitere Quellenangaben via wiki commons - 
Ein Fresko aus einer florentinischen Villa zu der Appelles-Anekdote.

Ey, Schuster! Wenn der Maler nicht spurt, schmeiß ihn raus!