Sonntag, 1. November 2026

Nackte Tatsachen

 

Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren!
Ich: Man kann auch nicht nicht mit sich selbst kommunizieren!

Bis gestern Übernachtungsbesuch von lieben Leuten hier gehabt. Da meine Hütte den Gästen zuliebe hinreichend geheizt war, erlaubte ich mir, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, den ganzen Tag nackt rumzulaufen. Die Leute kennen das von mir, das ist nix Sensationelles, sondern Routine für alle Beteiligten¹. 

Was kommuniziert man - sich selbst und anderen gegenüber - indem man den Alltag nackt lebt? Aus Platzgründen nur Stichwortsammlung. Geneigte Lesys füllen das bitte mit weiteren Inhalten.

Nackt-Sein sagt:

  • Warm und fit: Mir ist warm genug und ich kränkele nicht.
  • Verletzlichkeit - Ich trage keinen Panzer.
  • Vertrauen - Ich brauche keinen Panzer.
  • Offenheit - Ich habe nichts zu verbergen und will es auch nicht. Ich bin alt, etwas zu fett und faltig. Aber ich habe keinen Bock mehr auf Selbstverleugnung.
  • Sauberkeit, körperlich - Paradox: Auch wenn ich nach nackter Gartenarbeit total verdreckt bin, fühlt sich das sauber an, tausendmal sauberer als in verschwitzten Klamotten. Nacktheit setzt ein  gewisses Minimum an Körperpflege voraus, ist dann aber klarer, freier, frischer, hygienischer, wasauchimmer ...
  • Sauberkeit, geistig - Wenn ein nackter Mann Erotisches denkt, bekommt er eine Erektion². Das ist natürlich und überhaupt nicht schlimm³. Abzulehnen ist eigentlich nur die in spießiger Prüderie verleugnete Lüsternheit, die man in Klamotten prächtig verstecken kann. Das extremste Gegenteil von "geistiger Sauberkeit" ist die verlogene Prüderie evangelikaler Christen der USA, die immerhin den größten Porno-Markt des Planeten befeuert.
  • Ich habe den Verstand, auch hartnäckig internalisierte Sozialnormen zu dekonstruieren und den Mut, mein Handeln entsprechend auszurichten. Kant hätte seine Freude dran. 
  • Ich bin ein wokes Weichei, genieße die vielen zusätzlichen Dimensionen der Wahrnehmung, die ungefilterter Hautkontakt mit Lebensumwelt bietet. Ich genieße das und bin froh & stolz, das genießen zu können.
  • Ich bin ein Revoluzzer, denn ich stelle das Wertesystem der alten, weißen (Anzug-)Männer ganz bewusst in Frage. Mein Nacktsein⁴ ist auch ein Auflehnen gegen den libertären Kapitalismus und den ihm anhängenden Konsumismus.
  • ...

Da fällt mir auf: Die Leute um mich herum verlieren nicht ein Wort über's Nacktsein. Nur ich, ich selbstanalysiere, wäge ab, kontextualisiere, usw.

Tja, ich muss offenbar schreiben, um zu sortieren, und nun schick' das auch raus. 



(Richard Ungewitter, 1907)



¹ Auch wenn ich der Einzige bin, der diesen Spleen pflegt. 

² Oft genug bekommt er auch eine Erektion, wenn nur warmer Wind über die Haut streichelt und / oder die Sonne auf den nackten Hintern scheint. Glaupt's mir!

³ Gleichwohl versuche ich das zu vermeiden. Es ist ja nicht so, dass mann da gar keine Kontrolle über seine Gedanken hat.

⁴ Dieser Punkt muss nicht verallgemeinert werden, ist nur persönliches Statement.