Dienstag, 28. April 2026

Selbst-Gerechtigkeit leicht gemacht

 

Soso, 81 Prozent der Dottschen meinen, der Wohlstand in Dottschland sei ungerecht verteilt. Man schaue sich die Einzelergebnisse der ARD-Umfrage an, und dann, bitte, bitte, überzeuge man mich, dass folgende Aussagen unwahr sind, dass sie nur Ausdruck der zynischen Weltsicht eines desillusionierten alten Drecksacks sind:

  1. Es geht den Befragten nicht um Gerechtigkeit. Es geht nur darum, dass die 81 Prozent sich nicht reich genug fühlen und gerne genau so reich sein wollen, wie die richtig reichen Reichen.
  2. Würden die 81 Prozent zu den reichen Reichen gehören, wäre ihnen das Thema "Gerechtigkeit" shyce-egal und sogar außerordentlich lästig.
  3. Würde man den 81 Prozent das Geld vorne und hinten reinstopfen, würde man sie in die Lage versetzen, hirnlos, hemmungslos und grenzenlos zu konsumieren, wäre ihr Gerechtigkeits-Geschwurbel schnell verstummt. 

Beweis 1:

CxU-Parteien werden trotz ihrer Schelte sozial Benachteiligter und brutalster Kürzungen in unserem Solidar-System gewählt. Trotz Merz, Reiche, Linnemann, Spahn und Konsorten. Und wenn die nicht "liefern", dann ist man allzu bereit, die freiheitliche Demokratie zugunsten des Faschismus' zu opfern - oder großkotzig damit zu drohen. Grüne und Linke, die wenigstens ein klitzebisschen an den unsolidarischen Strukturen kratzen würden, werden abgestraft.

Beweis 2:

Niemand kritisiert, dass die Befragung nur die dottsche Nabelschau zulässt. Wir sind reicher als 95 % der Weltbevölkerung. Seltsam, dass niemand diese ungerechte Wohlstandsverteilung in den Blick nimmt, oder? Wer glaubt, die Dottschen hätten diesen Vorsprung mit fairen Mitteln erarbeitet, der muss auch glauben, unsere Superreichen hätten ihre Multimilliarden mit ihrer eigenen Hände ehrlicher Arbeit erworben. 

Die Verkürzung der Perspektive ist unredlich und schädlich. Sie verhindert eine exakte Analyse der Ursachen und folglich die Entwicklung einer angemessenen Lösung. Wir haben uns an die globale Ungerechtigkeit gewöhnt, haben sie internalisiert und leben gut mit und von der fortgesetzten Ausbeutung der sozial Schwächeren. Gerechtigkeit zu fordern, setzte voraus, Gerechtigkeit zu üben.

Analogie:

Als Pauker habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass der überwältigende Großteil aller Eltern vehement für "Chancengleichheit" kämpft, solange ihre F1-Generation in der Grundschule steckt. Sobald die Gören es auf's Gymnasium geschafft haben, kann der Laden gar nicht exklusiv (d.h. "ausschließend") genug sein. Selbst kooperative Schulformen (KGSn/IGSn) werden tunlichst gemieden, wie etwas, das die Katze hereingetragen hat.. 

Merke:

Selektive Gerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit. 

Sondern, im Gegenteil nur der erbärmliche, verlogene Versuch, den eigenen krankhaften Egoismus und Opportunismus hinter einer pseudo-ethischen Hochwert-Vokabel zu maskieren.

Conclusio:

Es geht hier nicht um Whataboutism. Ich bin sehr dafür, das zweifellos bestehende und völlig inakzeptable Wohlstandsgefälle in Deutschland und der Welt zu nivellieren, denn so, wie es ist, ist es wirklich ungerecht. Pervers. Vielfach tödlich.

Aber die Lösung kann nicht für Dottschland gesucht und gefunden werden. Und sie kann nicht darin bestehen, die Nicht-Super-Reichen in Dottschland mit immer mehr Konsumismus zu bestechen und mundtot zu machen. 

Wir müssen weg von einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dass nur auf grenzenloser, ungehemmter Gier nach Macht und Geld basiert. Und wir müssen aufpassen, dass nicht eines Tages ein faschistisches System als Höhe- und Endpunkt des libertären Kapitalismus herrscht.


(verändert via wiki commons)
"Wenn die hirntote, unersättliche Gier der Reichen befriedigt wird,
dann soll meine hirntote, unersättliche Gier auch befriedigt werden,
sonst ist das nicht gerecht!"