Der von mir sehr geschätzte Wissenschaftliche Leiter des "Deutschen Panzermuseums", Ralf Raths, hat neulich in einem fürchterlich berechtigten Verriss eines Buches über Panzer dessen Verfasser in einem Nebensatz u.a. vorgeworfen, er betreibe "Küchenphilosophie". Scheint in Bezug auf eine Veröffentlichung mit hohem Anspruch in der Sache eine verständliche Kritik, aber das Schlagwort hat bei mir gepiekst.
Bis dahin kannte ich nur das Wort "Küchenlatein" als spöttische Bezeichnung für alle möglichen sprachlichen Variationen und Mixturen, derer sich jene bedienten, die keine akademische Sprachausbildung an den literarischen Vorbildern der klassischen Antike hatten. Da diese "professionellen" Sprachkenntnisse aber bedeutendes soziales Distinktionsmerkmal - und im Falle der katholischen Kirche auch ganz konkretes Machtmittel - waren, arbeitete sich der weniger privilegierte Teil der Menschen daran ab, diese Sprachbarriere irgendwie mithilfe aufgeschnappter Sprachbrocken anzugehen, während sich die akademisch Gebildeten bzw. die Scholastiker über das zwangsläufige Scheitern des Pöbels köstlich beömmelten. Immerhin stabilisierte jedes lächerliche Scheitern der Ungebildeten den höheren sozialen Status der Gebildeten.
Zur "Küchenphilosophie": Die Analogie ist klar, oder? Darf ich Philosophie nur auf der Basis eines entsprechenden Studiums betreiben? Mache ich mich lächerlich, wenn ich ohne entsprechende akademische Ausbildung über Gut & Böse, Ästhetik und Grundfragen des Lebens usw. nachdenke?
Einige "studierte" Philosophys würden das begrüßen: Einen abgegrenzten, geschützten Bereich, einen Claim, in dem nur sie und niemand sonst mit professioneller Welterkenntnis auskömmlichen Profit machen dürften. Als Grenzposten ließen sich Heidegger¹, Adorno und Wittgenstein prostituieren. Wer die nicht anbetet, kommt nicht rein und wird lächerlich gemacht.
Zugegeben, das war plumpe Provo.
In allen Fachgebieten muss es Expertys geben, die High-Potentials und die Hochkaräterys, die die vorderste Forschungsfront in ihrem Fachgebiet immer ein Stückchen weiter gegen das Unsagbare vorschieben. Aber das machen die natürlich nicht, um ein Stockwerk nach dem anderen auf einen Elfenbeinturm zu zimmern, und sie sollten es idealerweise auch nicht ausschließlich im Hinblick auf kapitalistische Verwertungsinteressen² machen.
Diese Expertys arbeiten für uns, das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe. Und unsere gesellschaftliche Aufgabe ist es, dieses Wissen zur Kenntnis nehmen und zwar in buchstäblich jedem Fachgebiet, egal, ob Geistes- oder Naturwissenschaft, ob Mathe oder Philo. So gut es uns möglich ist. Denn wir sind (siehe neuer Blog-Titel!) der/die/das Souverän. Wir müssen Entscheidungen treffen. Weitreichende Entscheidungen.
Und von Jedy muss folglich eine möglichst (!) umfassende Allgemeinbildung erwartet werden, damit diese Entscheidung eine möglichst solide Basis hat.
Dy mündigy Staatsbürgy, das ist dy Universal-Dilletanty.
Falls das zu schwer zu lesen ist:
Die mündige Staatsbürgerin, das ist die Universal-Dilletantin.
Und für alte, denkfaule cis-Männer:
Der mündige Staatsbürger, das ist der Universal-Dilletant.
Lasst uns also die Expertys feiern. Aber lasst uns noch viel mehr jene feiern, die "nur" über das universelle, das fächerübergreifende, allgemeine Küchen-Wissen verfügen, es täglich aktualisieren, dann kontextualisieren und dann für ihren alltäglichen Struggle und die anstehenden politischen Entscheidungen fruchtbar machen. Denn auch das ist ein Leistung - wenn sie denn erbracht wird.
auf das Niveau "Küchen-Französisch" abgesunken sein.
Aber das hindert mich nicht, mich gegebenenfalls
ganz gut damit durchzuschlagen
(und neulich J. Brels "Amsterdam" mitzugröhlen).
¹ Das kommt hier jetzt ruppiger rüber als es gemeint ist. Aber ich habe gerade Heideggers Kommentare zum Dao-de-king in "Das Sein und das Nichts" gelesen und war sehr ernüchtert.
² Fühlt Ihr mein sprachliches Geholpere an dieser Stelle? Konjunktiv irrealis und ganz viel "eigentlich" im Subtext...

