Montag, 2. Februar 2026

Küchenphilosophie

 

Der von mir sehr geschätzte Wissenschaftliche Leiter des "Deutschen Panzermuseums", Ralf Raths, hat neulich in einem fürchterlich berechtigten Verriss eines Buches über Panzer dessen Verfasser in einem Nebensatz u.a. vorgeworfen, er betreibe "Küchenphilosophie". Scheint in Bezug auf eine Veröffentlichung mit hohem Anspruch in der Sache eine verständliche Kritik, aber das Schlagwort hat bei mir gepiekst.

Bis dahin kannte ich nur das Wort "Küchenlatein" als spöttische Bezeichnung für alle möglichen sprachlichen Variationen und Mixturen, derer sich jene bedienten, die keine akademische Sprachausbildung an den literarischen Vorbildern der klassischen Antike hatten. Da diese "professionellen" Sprachkenntnisse aber bedeutendes soziales Distinktionsmerkmal - und im Falle der katholischen Kirche auch ganz konkretes Machtmittel - waren, arbeitete sich der weniger privilegierte Teil der Menschen daran ab, diese Sprachbarriere irgendwie mithilfe aufgeschnappter Sprachbrocken anzugehen, während sich die akademisch Gebildeten bzw. die Scholastiker über das zwangsläufige Scheitern des Pöbels köstlich beömmelten. Immerhin stabilisierte jedes lächerliche Scheitern der Ungebildeten den höheren sozialen Status der Gebildeten. 

Zur "Küchenphilosophie": Die Analogie ist klar, oder? Darf ich Philosophie nur auf der Basis eines entsprechenden Studiums betreiben? Mache ich mich lächerlich, wenn ich ohne entsprechende akademische Ausbildung über Gut & Böse, Ästhetik und Grundfragen des Lebens usw. nachdenke? 

Einige "studierte" Philosophys würden das begrüßen: Einen abgegrenzten, geschützten Bereich, einen Claim, in dem nur sie und niemand sonst mit professioneller Welterkenntnis auskömmlichen Profit machen dürften. Als Grenzposten ließen sich Heidegger¹, Adorno und Wittgenstein prostituieren. Wer die nicht anbetet, kommt nicht rein und wird lächerlich gemacht.

Zugegeben, das war plumpe Provo.

In allen Fachgebieten muss es Expertys geben, die High-Potentials und die Hochkaräterys, die die vorderste Forschungsfront in ihrem Fachgebiet immer ein Stückchen weiter gegen das Unsagbare vorschieben. Aber das machen die natürlich nicht, um ein Stockwerk nach dem anderen auf einen Elfenbeinturm zu zimmern, und sie sollten es idealerweise auch nicht ausschließlich im Hinblick auf kapitalistische Verwertungsinteressen² machen. 

Diese Expertys arbeiten für uns, das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe. Und unsere gesellschaftliche Aufgabe ist es, dieses Wissen zur Kenntnis nehmen und zwar in buchstäblich jedem Fachgebiet, egal, ob Geistes- oder Naturwissenschaft, ob Mathe oder Philo. So gut es uns möglich ist. Denn wir sind (siehe neuer Blog-Titel!) der/die/das Souverän. Wir müssen Entscheidungen treffen. Weitreichende Entscheidungen.

Und von Jedy muss folglich eine möglichst (!) umfassende Allgemeinbildung erwartet werden, damit diese Entscheidung eine möglichst solide Basis hat. 

Dy mündigy Staatsbürgy, das ist dy Universal-Dilletanty.

Falls das zu schwer zu lesen ist:
Die mündige Staatsbürgerin, das ist die Universal-Dilletantin.

Und für alte, denkfaule cis-Männer:
Der mündige Staatsbürger, das ist der Universal-Dilletant.

Lasst uns also die Expertys feiern. Aber lasst uns noch viel mehr jene feiern, die "nur" über das universelle, das fächerübergreifende, allgemeine Küchen-Wissen verfügen, es täglich aktualisieren, dann kontextualisieren und dann für ihren alltäglichen Struggle und die anstehenden politischen Entscheidungen fruchtbar machen. Denn auch das ist ein Leistung - wenn sie denn erbracht wird.


(via wiki commons)
Mangels Praxis dürften meine Französisch-Kenntnisse
auf das Niveau "Küchen-Französisch" abgesunken sein.
Aber das hindert mich nicht, mich gegebenenfalls
ganz gut damit durchzuschlagen
(und neulich J. Brels "Amsterdam" mitzugröhlen).



¹ Das kommt hier jetzt ruppiger rüber als es gemeint ist. Aber ich habe gerade Heideggers Kommentare zum Dao-de-king in  "Das Sein und das Nichts" gelesen und war sehr ernüchtert.

² Fühlt Ihr mein sprachliches Geholpere an dieser Stelle? Konjunktiv irrealis und ganz viel "eigentlich" im Subtext...





 

Sonntag, 1. Februar 2026

Textuelle Inkontinenz - ohne Ende

 

Ooookee, ich habe nicht mal zwei Wochen den ästhetischen Attacken widerstehen können, nachdem ich neulich den ganzen Weblog-Politik-Kram wegen erkannter Wirkungslosigkeit hingeschmissen hatte. 

Wichtige Zeit zum Nachdenken, wichtige Distanz zur Kontemplation.

Ergebnis:

  1. Es ist in der Tat völlig wirkungslos, immer wieder festzustellen und mit klugen Argumenten zu beweisen, dass Konzerne¹ in ihrem Streben nach Profitmaximierung völlig enthemmt Dinge tun, die wir in unserem kleinbürgerlichen Verständnis von Ethik und Anstand als ekelerregend gierig, egoistisch, abscheulich beurteilen. Entfesselter Kapitalismus ist das Wesen von Konzernen. Konzerne und entfesselter Kapitalismus bedingen einander. 
  2. Es ist weiterhin völlig wirkungslos, immer wieder festzustellen und mit klugen Argumenten zu beweisen, dass Politikys um so mehr zu hemmungslos machtgeilen, skrupellosen egomanischen und per se inkompetenten, korrupten Arschlöchern mutieren, je höher sie in der schwiemeligen Halbwelt von Partei- und Polit-Ämtern aufsteigen. Machtgeilheit und Politiky-Sein bedingen einander.² 
  3. Die Kulmination der Machtgeilheit findet sich bei den Autokraten und jenen, die es werden wollen. Aber auch hier ist die Kritik an der Einzelperson wirkungslos, denn krankhaft machtgeile Narzisstys findest Du an jeder Ecke. Sie sind austauschbar. Hätte Hitler, ein mäßiger, kleiner Kunstmaler, den Ersten Weltkrieg nicht überlebt, hätte irgendein anderer Knallkopp den Faschismus in Deutschland proklamiert, und die Massen hätten ihm ebenso dummwillig die absolute Macht in die Hände gelegt. Das ist heute nicht anders als vor 100 Jahren. Die Person Hitlers, das Individuum, zu analysieren und zu kritisieren ist daher nicht zielführend.
Wenn das kritische Nachdenken über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse aber weder beim herrschenden System des Kapitalismus' noch bei individuellen Macht-Habern sinnvoll, d.h. wirkungsvoll angreifen kann, wo denn dann?

Wir müssen da hingehen, wo alle freiheitlich-demokratischen Verfassungen die Macht verorten. Im doitschen Falle, Art. 20,2 GG, heißt es: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Und kommt mir nicht mit Einwänden, wie "Jaaa, das ist die Theorie, in der Praxis blablabla..." Wenn der Souverän in diesem unserem Staate von irgendwelchen Verfassungsfeinden, offenen oder verdeckten, sich die Butter von Brot hat nehmen lassen, dann wird es höchste Zeit, das zu ändern. 

Warum hat es eigentlich noch keine Revolution zur Wiedereinsetzung unserer Verfassung gegeben?³

Kurz gesagt: Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen greift immer zu kurz und daneben, sofern sie nicht ganz unten an der Basis, nämlich bei den mündigen Staatsbürgys angreift. "Denen da oben" die Schuld zu geben, ist einfach, bequem und gefährlich irreführend.

Pathetisches Fazit: Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass auch 2026 trotz und alledem und gerade drum ein politischer und also gesellschaftskritischer Blog geführt werden kann und muss. 



(verändert via wiki commons)
Wenn man immer nur "das System" ankackt
und nicht auch die Millionen Leute,
die es perpetuieren,
kann eine Revolution nur in die Hose gehen.



¹ "Konzern" wird hier synonym zum "Großunternehmen" gebraucht und definiert als ein Unternehmen, das so groß ist, dass es für Management und Shareholder völlig belanglos ist, mit welchem Produkt bzw. welcher Dienstleistung hemmungslos Profit maximiert wird. Ein Tante-Emma-Laden oder eine bäuerliche Landwirtschaft kann nicht beschließen, ab morgen ins Ölgeschäft, in Finanzdienstleistungen, Medien, Autobau, Luft- und Raumfahrt einzusteigen.

² Ja, ich weiß: Man hört auch immer wieder von ein paar Kommunal-Politikys die sich gaaanz toll und selbstlos für ihre Ortsteile, Gemeinden usw. einsetzen. Ja, bei denen entschuldige ich mich natürlich, sobald wir den reinen Altruismus gesucht und gefunden haben. Aber: Wenn Kommunal-Politikys aus dem Nähkästchen plaudern, hört man früher oder später nur Geschichten, dass Parteipolitik ein Drecks-Geschäft sei, ein intrigantes Hauen-und-Stechen, und dass immer nur die maximal-denkbaren Arschlöcher als Sieger daraus hervorgehen, Posten erhalten, aufsteigen. Das klingt nicht nach der Selektion der Kompetentesten. Außerdem ist die Korruption auf der Ebene der Kommunen am umsatzstärksten. Auf Bundesebene sind die einzelnen Deals zwar üppiger, aber dafür gibt es viel weniger, und die Kontrolle ist brutaler.

³ Ich bin dafür. Ich muss auch dafür sein, denn ich habe bereits drei Mal in meinem Leben einen Eid auf besagte Verfassung geschworen. Und ich bin stolz drauf und fühle mich selbverständlich daran gebunden.