Wollte gerade der Tristesse draußen etwas Schönes entgegensetzen und beim gemütlichen, muckeligen Frühstück drinnen nebenbei die aktuelle "Diplo"¹ weiterlesen.
Erst las ich den Artikel darüber, dass die Amis sich bereits seit 2024 in Stellung gebracht haben, die künftigen russischen Öl- und Gaslieferungen nach Europa unter die Kontrolle des Trump-Clans zu bringen. Mittlerweile wird nicht mehr dementiert, dass Nord Stream 2 durch ukrainische Geheimdienstler mit Hilfe der Amis gesprengt wurde, jene Leitung, die zu kaufen und wiederinstandzusetzen sich amerikanische Konsortien hinter den Kulissen nunmehr bemühen, während die Europäer sich zeitgleich darin überschlagen, sich vom russischen Energie-Fossil abzukoppeln.
Die Russen verhandeln mit den Amis, wer von ihnen zu welchen Konditionen nach Europa liefern wird. Dass wieder geliefert werden wird, steht außer Frage, und dass die Europäer nicht mal gefragt werden, auch. Das scheint auch die aktuellen Ukraine-Gespräche zu betreffen. Ich Naivling dachte, es ginge um Frieden, dabei geht es in Wirklichkeit nur darum, dass Selenskiyji unzufrieden ist, dass die russischen Pipelines durch die Ukraine künftig von den Amis und zu deren Profitmaximierung betrieben würden, auch, weil man die Europäer dann damit so hübsch erpressen kann ...
Ich erspare weitere Details, empfehle dringend die Lektüre des Artikels "Schattendiplomatie um Nord Stream", weise aber darauf hin, dass die Diplo stets ausführliche Quellenangaben zu jedem Artikel mitliefert, ungewöhnlich für eine Zeitung, gut gegen Fakes und Verschwörurungstheorien.
Es folgt der Artikel über Venezolanisches Öl nach der US-Intervention und wer daran verdient (Spoiler: US-Ölfirmen und Trump), und mir bleibt der Marmeladentoast im Halse stecken, und das ist jetzt (fast) keine Metapher.
Ich mag nicht mehr weiterlesen, dann tue ich's doch, weil ich denke, so weit kommt's noch, dass ich Augen vor der Realität verschließe, dann lese ich weiter, zwinge mich dazu, und vor Wut und Ekel und Enttäuschung macht mein Magen echt dicht. Zum Glück habe ich ein autoritäres Verhältnis zu meinem Körper und kann ihm befehlen, den letzten Happen Toast gegen somatischen Widerstand hinunterzuwürgen.
Dann überlege ich mir, wie bescheuert es ist, so mit seinem Körper umzugehen, trinke den Rest Kaffee (- das geht widerstandslos -) und beschließe, diesen Text zu schreiben.
Meine Wut und meinen Ekel muss ich ja wohl nicht erklären.
Aber meine Enttäuschung:
Die Enttäuschung bezieht sich auf mich selbst. Es war heute Morgen mal wieder so eine Situation, in der mir blitzartig vor Augen geführt wurde, dass ich, der ich mich für einen vergleichsweise rundum wohlinformierten, angemessen kritischen und folglich durch und durch zynischen alten Drecksack halte, wieder einmal von der Realität rechts überholt wurde.
Meine Annahmen über die Welt, d.h. die Menschen sind schon so abgrundtief bissig und böse und schlecht und negativ und ... wasweißich ..., dass ich dachte, tiefer ginge es nicht mehr. Auch ein Gebäude mit drei Keller-Etagen und unterirdischem Parkhaus muss ja irgendwo ganz unten eine allerunterste Betonplatte haben, die sagt: "Hier ist Ende, tiefer reicht das Gebäude nicht. Es kommt noch bisschen Sand und Kies und dann der einst natürliche Untergrund. Aber das Gebäude ist hier zu Ende."
So eine Betonplatte meine ich, und ich dachte, in meinem Alter und meinem jahrzehntelang erworbenen und gezüchteten Zynismus hätte ich diese metaphorische Platte schon in Sicht. Tja, welch ein Irrtum, und darob die Enttäuschung.
Bleibt die Frage, wo denn nun wirklich die aller-aller-aller-unterste Grenze menschlicher Schlechtigkeit ist.
Hm ...
Vielleicht müssen wir uns von dem Gedanken einer festen, absoluten Grenze verabschieden. Das ethische "Race-to-the-bottom" hat keine Ziellinie. Gewinner² wird immer der sein, der noch eine beschissenere, menschenfeindlichere Idee hat, während die anderen schon innehalten, angewidert von sich selbst, sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und sich zu ihrer irrsinnigen bis dato bewiesenen Bösartigkeit, die sie als Cleverness interpretieren, gratulieren.
"Unendlich" ist keine Zahl, Du kannst immer "1" addieren.
"Kapitalismus" ist kein gesellschaftliches System, Du kannst immer noch mehr Profit generieren.
das sich den Widderkopf oder die satanische "666" hat tätowieren lassen,
und sich für einen, huuh, ganz beeindruckenden Bösewicht hält
und dann die Diplo liest und feststellt:
Satan ist so ein erbärmlicher Loser, Alter!
¹ Gemeint ist die "Deutsche Ausgabe der 'Monde diplomatique', Februar 2026", aber coole connaisseure sagen natürlich nur "Diplo".
² Es hat keinen Sinn, hier zu gendern.
