Ach herrje, es macht mich ja ganz betroffen: Unsere Herrscher herrschen uns an, wir seien zu faul, zu krank, zu hedonistisch. Ojeojeoje, die Obrigkeit ist unzufrieden, was sollen wir nur tun?
Zwei Lösungen:
Erstens: Wenn die Herrschaften mit ihrem Volk unzufrieden sind, müssen sie sich ein anderes suchen, eines, das darauf steht, verachtet und nach allen Regeln des ungehemmten Kapitalismus' ausgebeutet zu werden.
Zweitens: Machen wir uns bitte nochmal klar, wie die Machtverhältnisse sind: Wir, das Volk, haben denen vorübergehend die Verwaltung in die Hände gelegt. Dass das wieder mal eine personale und sachliche Fehlentscheidung war, zeigt sich allzu deutlich und sollte alsbald korrigiert werden. Dass DIE UNS anscheißen, ist im Drehbuch einer freiheitlich-demokratischen Verfassung aber nicht vorgesehen, und ich verbitte mir das.
Außerdem:
Wenn die von uns dummerhafterweise mit den Regierungsgeschäften Beauftragten auch nur einen Funken Verstand hätten (was sie nicht haben) und wenn sie ihre tatsächliche Rolle innerhalb unserer Demokratie verstünden (was sie nicht tun), dann würden sie, statt ihre Auftraggebenden ein ums andere Mal zu beleidigen, fragen, warum denn wohl niemand mehr Bock hat, für dieses Wirtschaftssystem zu knechten.
Im Gegensatz zu unserer Nomenklatura, den "Ratten in der Bildsäule"¹, bezweifle ich sehr, dass es unter den abhängig Beschäftigten eine grundsätzliche Leistungsunwilligkeit gibt. Ich kenne jedenfalls nur Menschen, die sich für ihren Beruf den Arsch aufreißen würden, sofern
- das Arbeitsumfeld wertschätzend ist,
- das Gehalt ohne Weiteres auskömmlich ist,
- die sogenannte Arbeitgeberseite ihre Fürsorgepflichten ernst nimmt,
- zwischen Unternehmer und Beschäftigten ein Verhältnis gegenseitiger Loyalität herrscht.
Ich kenne andererseits auch fast nur Menschen (und zähle mich selbst dazu),
- die sich krank melden, weil sie es entweder sind oder weil das Management es nicht schafft, eine vernünftige, d.h. schaffbare Arbeits- und Ablauforganisation zu gewährleisten und weil man seitens des Managements das Ausbrennen eiskalt billigend in Kauf nimmt und eigentlich auch normativ erwartet,
- die innerlich längst gekündigt haben, da sie immer wieder erfahren haben, dass ihre Leistungen nicht nur nicht gewürdigt, sondern schlicht von niemandem zur Kenntnis genommen werden.
- die definitiv keinen Grund haben, sich für das Unternehmen einzusetzen, da sie wissen, dass sie umstandslos gefeuert werden, sobald sie nicht mehr zwingend zur weiteren (!) Profitmaximierung benötigt werden.
Das sind natürlich Probleme, von denen Merz, Linnemann, Spahn, Amthor, Klingbeil etc. etc. pp. nichts wissen, weil sie niemals in vergleichbarer Situation waren. Besagte Herrschaften kennen und vertreten ausschließlich die Seite der Konzerne.
Als Masse der mündigy Staatsbürgys müssen wir uns natürlich die bittere Frage gefallen lassen, wie durch unser Wahlverhalten dieser Haufen von Arschlöchern² an die Macht kommen konnte - und das nicht zum ersten Mal.
¹ Zur Erinnerung: J.G. Herders Fabel
"(...)
'Ihr wisset, Prinz, daß man an vielen Orten dem Geiste des Orts Bildsäulen aufzurichten pflegt; diese hölzernen Statuen sind inwendig hohl und von außen bemalet. Eine Ratte hatte sich in eine hineingearbeitet; und man wußte nicht, wie man sie verjagen sollte. Feuer dabei zu gebrauchen getraute man sich nicht, aus Furcht, daß solches das Holz der Statue angreife; die Bildsäule ins Wasser zu setzen, getraute man sich nicht, aus Furcht, man möchte die Farben an ihr auslöschen. Und so bedeckte und beschützte die Ehrerbietung, die man vor der Bildsäule hatte, die - Ratte.'
(...)"
² Ja, ich habe selbstverständlich darüber nachgedacht, ob diese Formulierung nicht zu krass ist. Aber dann habe ich überlegt, wie gemein und dauerhaft die Arschlöcher UNS beleidigen, und da dachte ich, ok, dann ist das jetzt wohl der Ton, in dem wir diesen Diskurs führen.

