Habe gerade viel über die Anwendung von Vernunft gelernt.
Vorweg:
- Mein 120-kg-Trike ist das beste und schönste und tollste Flugzeug der Welt. Aber es liegt in der Natur "Leichter Luftsportgeräte", windempfindlich zu sein.
- Der Flugplatz Barssel ist ganz großartig, die Piste, die lieben Menschen, alles tipptoppi. Aber er weigert sich mehr als andere Plätze, den Profi-Prognosen des DWD zu entsprechen. Man muss schon hinfahren und sich selbst ein Urteil bilden.
Unabhängig von dieser Vorrede ertappte ich mich gestern bei folgendem
Innern Monolog:
"Hm, in den letzten Tagen waren die Wetterbedingungen immer so ein bisschen sehr auf der kackigen Seite. Und in den nächsten Tagen soll's auch wieder ... mehr so böööh. Heute Nachmittag ist auch nicht ganz prickelnd ... aber besser als vorher und die nächsten Tage .... Nochmal genau prüfen ... Naja, doll ist das nicht. Aber egal, das muss jetzt einfach mal klappen. Sonst kommste ja zu überhaupt nix ... Man muss üben und die Grenzen ein bisschen weiter rausschieben ... Außerdem warst Du in den letzten Tagen so lieb, hast Dich so vernünftig zurückgehalten. Da haste jetzt auch einfach mal Anspruch drauf, dass das klappt."
Dann vor Ort: "Boi-o, das ist aber stellenweise echt böig, oder?! Egal, der Wind steht ja in der Bahn ... so ähnlich ... 30, 40, 50 Grad von rechts ... Naja, 30 sind keine 90 ... 90 wär blöd. Aber 30? Außerdem biste jetzt hier, wär' ja doof, jetzt einfach wieder weg ...und sooo schlimm ist das doch gar nicht. Und wenn doch, kannste ja wieder landen ..."
Rest in Kürze: Start ok. Leider hatten die Bauerys die Felder frisch gepflügt. Diese schwarze, feuchte Erde erzeugt eine Hammer-Thermik. Aber in 600 ft schon die ersten Wolkenfetzen. Die waren eigentlich für 2.000 ft angesagt. Das, liebes GAFOR, ist niemals "Oscar", wie Du versprochen hast, never ever. Und die Landung war dann auch shyce ruppig.
Auswertung:
Selbstbetrug 1: Wenn Du lieb / vernünftig / triebverzichtig bist, hast Du eine Belohnung verdient. Diese Fehlannahme basiert eindeutig auf einem Erziehungsfehler.
Selbstbetrug 2: Wenn eine Serie von gleichartigen Ereignissen bzw. Ergebnissen stattfindet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das nächste Ergebnis anders wird. (Spielerfehlschluss)
Selbstbetrug 3: Automanipulation mit der schlimmeren Alternative. Du kannst immer eine Steigerung zum Schlechten konstruieren - und das Nicht-Stattfinden derselben als positives Argument verkaufen.
Selbstbetrug 4: Konstruierte Pseudo-Sachzwänge ("Jetzt biste schonmal hier...") haben nichts mit den fraglichen Sachverhalten (Wetter fliegbar oder nicht?) zu tun.
Anwendung:
Selbstbetrug 1: Es gibt ja schon so viel nachhaltige Energieproduktion, mein Haus ist energetisch saniert, die Wärmepumpe geordert - da kann ich dann auch beruhigt SUV fahren, in den Urlaub fliegen und Kreuzfahrten machen.
Selbstbetrug 2: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, globale Konzerne sind die wahren Macht-Haber, die Starken bedrohen die Schwachen, statt sie zu schützen, die regelbasierte Ordnung geht den Bach runter, Umwelt, Klima - alles geht kaputt. Aber das kann doch so nicht weitergehen. Das geht doch gar nicht. Da wird sich schon was ändern ... bald ... muss ja ...
Selbstbetrug 3: Jaaaa, Spritpreise gehen durch die Decke, aber immer noch unter 3 Euro. Und überhaupt: Wir sollten froh sein, dass es überhaupt noch Sprit gibt. Das war ja durchaus nicht immer ganz sicher.
Selbstbetrug 4: Ja, Kapitalismus heißt, dass die ungehemmte Gier nach Macht und Geld einziger ethischer Maßstab ist. Und jeder Depp begreift, dass es angesichts begrenzter Ressourcen kein unbegrenztes Wachstum geben kann - aber was sollen wir denn machen?
Conclusio:
Unsere Fähigkeit zum Selbstbetrug ist stärker als unsere angebliche und vielbeschworene Vernunft. Wir sind im Arsch.
