Mittwoch, 26. Juni 2019

Evolution?


Lese gerade mit halber Kraft, halb beruflich, halb privat, Friedemann Schrenk "Die Frühzeit des Menschen", München, 6. Aufl. 2019.

Auf S. 94 finde ich über Homo erectus, unsere Vorfahren, die Zeilen "... ging die Weiterentwicklung der Werkzeugkultur nur schleppend voran. Über eine Million Jahre lang änderte sich an der urspünglichen Art der Steinwerkzeugherstellung durch Abschlagen einiger Splitter wenig."

Ich werde den völlig blödsinnigen Gedanken nicht los, was das wohl für eine Szene war, als nach einer Million Jahre jemand an die kollektive Feuerstelle trat und sagte: "He Jungs, schaut mal, was ich gemacht habe: Viel besser als unsere Faustkeile...!" Ich tippe auf folgende Reaktionen:


  • "Verpiss Dich, Du Spinner, wir haben zu tun!"
  • "Fang erstmal an, richtig zu arbeiten, Du Penner, dann lernst Du auch den Faustkeil zu schätzen!"
  • "Wir sind Homo erectus! Wir haben Faustkeile! Immer schon! Wer keinen Faustkeil hat, ist kein Homo erectus, sondern ein Verräter!"
  • "Faustkeil first! We have the bestest Faustkeil in the world."
  • "Nur schwule / andersdenkende / elitäre / demokratisch-kommunistische / iran-irakisch-mexikanisch-europäische / jüdisch-bolschewistische / rot-rot-grün-versiffte Homo erectii meinen, es könnte was Besseres als einen Faustkeil geben."
  • "Wir werden unsere heimische Steinwerkzeugherstellung keinesfalls durch irgendwelche Experimente gefährden. Da werden in unverantwortlicher Weise Arbeitsplätze auf's Spiel gesetzt." 

Diese Optionen klingen ein wenig gewollt witzig bzw. anekdotisch, aber mir graust es bei der Vorstellung, wie oft in den Million Jahren sich diese Szene zugetragen und permanent wiederholt hat. Eine Million Jahre, mannmannmann, das ist eine verdammt lange Zeit für Leute, die eine gute Idee haben und immer wieder an der bierärschig-dümmlichen Arroganz ihrer macht-habenden Zeitgenossen scheitern ...

Und ein paar Seiten weiter (S. 97) geht's dann um die sogenannten "Hobbits", Homo floresiensis. Über deren vergleichsweise geringes Hirnvolumen heißt es: "Die absolute und relative Verkleinerung des Gehirns [bei dieser Spezies] dürfte ein evolutives Inselphänomen darstellen. Dies wurde erstmals bei fossilen Gemsen auf Mallorca nachgewiesen. Dort dauerte die Rückentwicklung des Gehirns mehrere Millionen Jahre."

Diese Zeilen haben mich - und das meine ich komplett un-lustig - sehr betroffen gemacht. Ich war bislang immer davon ausgegangen, dass die nachweisliche Vergrößerung des Neocortex bei Homo sapiens im Zusammenspiel mit immer komplexeren sozialen Interaktionen und im Zusammenspiel mit permanentem technischen Fortschritt ein unausweichlicher, sich selbst stabilisierender  (autokatalytischer) Prozess sei. Ist Floresiensis tatsächlich ein Beispiel für eine Spezies, deren Hirnvolumen bei der evolutionären Fitness keine Rolle mehr spielte?

Wir wissen schon lange, dass unser Großhirn nur ein Überlebensapparat, nicht jedoch ein Erkenntnisapparat ist. Es wird Zeit, sich wieder bewusst zu machen, dass eine ständige Zunahme der Intelligenz auch bei Homo sapiens, also bei uns Jetztmenschen, keine Selbstverständlichkeit ist. Der Rückwärtsgang, das kollektive Verblöden ist denkbar, und nicht erst seit Trump Potus wurde und die Nazi-Populisten wieder auf dem Vormarsch sind, eigentlich auch schon Realität. Können wir, bitte, bald mal wieder in einen Vorwärtsgang schalten?



(verändert via wiki commons)
In den letzten Jahren lernen wir,
dass der Neanderthaler viel klüger und flexibler war als bisher angenommen.
Ich achte ihn auch ganz hoch. Aber ich möchte evolutionär da nicht wieder hin. 







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