Als ich noch Kind war, erläuterten meine Eltern mir, wenn man eine Sternschnuppe sähe, dürfe man sich etwas wünschen, allerdings diesen Wunsch nicht aussprechen, sonst ginge er nicht Erfüllung.
Ich bin ziemlich schnell auf die schlaue Idee gekommen, dass man sich wünschen könnte, drei Wünsche frei zu haben. Und dann dachte ich, der erste dieser drei Wünsche könnte ja darin bestehen, sich tausend Wünsche zu wünschen. Und der erste dieser tausend Wünsche könnte klugerweise sein, eine-milliarde-million-milliarde-million Wünsche frei zu haben.
Und als ich begriffen hatte, dass der Wunsch nach unendlichfacher Vermehrung freier Wünsche die einzig logische Option sei, wenn man nur einen Wunsch frei habe, da war der Zauber der Sternschnuppe für mich unwiederbringlich zerstört. Und auch die Märchen von Feen, die Dir ein bis drei Wünsche zu erfüllen versprechen, waren restlos kompromittiert.
Im Falle der Feen stellte ich mir Jahre später zusätzlich die Frage, wer die Feen eigentlich autorisiert, wer sie finanziert, die Ressourcen bereitstellt und die Anzahl der Wünsche limitiert - und warum?
Ihr versteht, was es bedeutet, wenn ich sage "Der Zauber war zerstört.", nicht wahr?
Als Kind, bei der Sternschnuppen-Sache, habe ich sehr schnell frustriert begriffen, dass ich mir die Sache selbst kaputtgemacht habe. Ich werfe mir nicht vor, damals aus Gier gehandelt zu haben, das war's nicht. Ich bin sauer auf mich selbst, weil ich zugelassen habe, dass gefühllose Logik und die bedingungslose Unterwerfung unter das Diktat positivistischer Realitätsauffassung einen schönen, zauberhaften Gedanken plattgemacht haben.
Heute glaube ich wieder an die Sternschnuppen und dass ich einen Wunsch frei habe, wenn ich eine sehe. Und weil Sternschnuppen ja immer total überraschend und meist nur ganz kurz auftreten, habe ich mir für diese Fälle einen Standard-Wunsch zurechtgelegt, den ich ohne langes Raisonnement denken kann, wenn ich eine Sternschnuppe sehe.
Diesen Wunsch aktualisiere ich permanent. Es ist ein unerschöpflicher Quell der Selbsterkenntnis, sich selbst dabei über die Schulter zu schauen und festzustellen "Ach, sieh mal an, DAS ist Dir gerade wichtig!? So, so."
Und siehe: Wünsche, deren Ergebnis nicht mathematisierbar ist, erfüllen sich oft! Sofern man sie sich bewusst macht.
Übrigens: Sollte ich eines Tages keinen anderen Wunsch haben, als etwas, das mit Geld zu bezahlen wäre, dann wär's Zeit abzutreten.
