Donnerstag, 28. März 2024

Ich warte immer noch auf den Aufschrei.


Ist das einfach nur "mediale Schnelllebigkeit" oder schon "kollektive Demenz"? Von den Taurus-Leaks spricht aktuell, dreieinhalb Wochen nach Veröffentlichung kein Mensch mehr. Nur noch davon, dass wir unbedingt Taurus an die Ukraine liefern müssen, weil - historisches Faktum - nur immer mehr Waffen stets zu immer mehr Glück & ewigem Frieden führen.

Egal. 

Ich hatte gehofft, dass zwischenzeitlich auch andere Menschen das Gesprächsprotokoll, dessen Echtheit ja bestätigt wurde, sinnentnehmend gelesen hätten, und ich war fest überzeugt, dass einige spätestens bei dem Stichwort "Kindergärten" ¹ kritische Fragen stellen würden. Da sagt einer der Militär-Herren, wenn der Kanzler die Taurus für die Ukraine frei gäbe, müsse man ihm beichten, dass mindestens acht Monate Vorbereitungszeit notwendig seien, dass man diese Zeit aber abkürzen könne, die Marschflugkörper dann allerdings von den ukrainischen Soldat*innen nicht zielsicher einzusetzen seien und, worst case, auch auf einen Kindergarten fallen könnten "und es zivile  Opfer" (sprich: russische Kinder) geben könnte. 

Das Gespräch geht dann weiter und darüber hinweg.

Das finde ich seltsam.

Da bin ich offensichtlich so ein bisschen "old school", denn die Perspektive, ein deutscher Marschflugkörper könne einen russischen Kindergarten ausradieren, bereitet mir Unwohlsein. Erhebliches Unwohlsein. 

Nun könnte man sagen, unsere Luftwaffen-Böberschten erörterten hier ganz sachlich und professionell technische Sachverhalte und es sei nicht ihre Aufgabe, über ethische Implikationen nachzudenken, aber das erinnert so ein bisschen an die Argumentation von Adolf Eichmann, er hätte nichts gegen Juden gehabt, hätte nur den Auftrag gehabt, Bahntransporte zu organisieren, nicht, über Ethik nachzudenken. 

Warum konnten höchste militärische Verantwortungsträger sich nicht durchringen, den höchsten politischen Verantwortungsträger*innen in Deutschland  zu sagen, dass eine Lieferung der Taurus an die Ukraine völlig verantwortungslos wäre und dass ein sinnvoller Einsatz des Systems nur von deutschen Soldat*innen zu bewerkstelligen sei, womit Deutschland dann aber unwiderruflich kriegführende Partei würde? Fehlt es an der Politischen Bildung? An Innerer Führung? Oder schlicht an ethischer Grundhaltung?

Warum nehmen wir so völlig kritiklos die Möglichkeit hin, deutsche Waffen töten russische Kinder? Weil russische Raketen ja auch ukrainische Zivilisten töten? Großartiges Argument! Den Russen machen wir aber deshalb schwerste moralische Vorwürfe. Na schön, dann aber gleiches Recht für Alle: Wenn die Taurus geliefert wird, gehört die deutsche Führungs-Camarilla, genau wie Putin, vor den IStGH.

Und überhaupt: Was ist das für ein Scheiß-Whataboutism? Wie reagieren Lehrer*innen, wenn nach einer Schulhof-Prügelei ein*e Schüler*in sich mit dem Argument verteidigt: "Der*die hat aber angefangen...!"? Sagen wir dann auch: "Achso, ja, nee, denn war das richtig, zurückzuschlagen. Mach' weiter."? ²

Und drittens: Mich würde interessieren, wie die Leute reagierten, wenn eine Rakete, die auf das K-Waffenlager und den NATO-Fliegerhorst Büchel ³ gezielt ist, von Osten kommend 1.000 m zu kurz fiele und, Gott bewahre, die "Katholische KiTa St. Simon und Juda Büchel" ausradierte. Oder wenn russische Luftwaffen-Verantwortliche ebendies mit großer Gelassenheit als technische Möglichkeit erörterten. Natürlich sind russische Kinder viel weniger wert als gut-katholische deutsche, aber ... Moment, mit diesem Satz stimmt doch was nicht!



Abschließend eine (durchaus vorwurfsvolle) Frage: Habt Ihr Alle die Protokolle gar nicht gelesen? Warum nicht?



(stark verändert via wiki commons)

"Believe me when I say to you,
I hope the Russians love their children too."



¹ Zur Erinnerung nochmal das Zitat: "Ich fang vielleicht mal an mit dem: „Was ist denn das Sensitivste oder das Kritischste, was jetzt passieren kann?“ Ähm, mit der ganzen Diskussion, das läuft ewig hin und her, und ich glaub, die zwei Punkte, die sensitivsten, sind zum einen Timing, so nach dem Motto, ähm, „Jetzt sagt der Kanzler, wir geben es doch ab“, und man kommt aus der Bundeswehr: Ja toll, aber in 8 Monaten sind wir dann soweit, den ersten Einsatz zu beginnen. Und das Zwote ist natürlich, wir können die Zeit auch nicht verkürzen, wenn es nach einem Falscheinsatz geht und das Ding auf ’nen Kindergarten drauffällt und es zivile Opfer gibt. Deshalb sind das so die beiden … links und rechts ’ne Grenze, zwischen denen man abwägen muss. Wenn man das so runterbricht, die eine Bahn ist die Auslieferung der Flugkörper. Da haben wir eigentlich gar nichts mit zu tun, und der wichtige Punkt wäre dann in dem Gespräch … Ich muss da auch nochmal drauf hinweisen … ohne die Firma können wir gar nichts machen und es wäre dann schon wie es auch bei den Raketen von IRIS-T ist, dass man relativ zügig erste Flugkörper ausrüstet, umrüstet und ausliefert. Aber da müssen halt dann so rudimentäre Sachen gemacht werden, nochmal ’ne kleine Überholung, das deutsche Hochheitsabzeichen runter und so."

² Spoiler: Nein, sowas machen wir Lehrer*innen nicht. Außer in sehr zynischen Momenten.

³ Büchel wird in dem Taurus-Gesprächsprotokoll namentlich erwähnt. Desahalb wählte ich es hier als Beispiel.






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